Auf dem West Highland Way durch die schottischen Highlands
Eine Reportage über meine Wanderung auf dem berühmtesten Fernwanderweg Schottlands
Hier, ein paar Meter abseits des Pfades, habe ich ein einigermaßen windgeschütztes Plätzchen gefunden, wo ich es mir gemütlich machen kann. Auf meiner zweckentfremdeten Strandmatte hockend frohlocke ich, dass die winzigen "midges", jene schottischen Mücken, die mich schon seit ein paar Tagen immer mal wieder ärgern, heute offensichtlich einen Betriebsausflug machen. Mit einem Becher frisch gekochten Instant-Kaffee in der Hand kann ich daher in aller Ruhe die grandiose Kulisse der West Highlands genießen, deren mal sanfte, mal schroffe Hügelketten das Rannoch Moor im Westen begrenzen und der ganzen Szenerie einen keltisch mystischen Touch verleihen.
Der "Weg", auf dem John gerade weitermarschiert, ist der "West Highland Way", der über 153 Kilometer von Milngavie, einem Vorort von Glasgow, bis nach Fort William am Fuße des Ben Nevis, des mit 1343 Meter höchsten Berges in Großbritannien, führt und dabei die Lowlands mit den West Highlands verbindet.
Heute ist bereits der sechste Tag meiner Wanderung auf den sehr abwechslungsreichen Abschnitten dieses Trails, der 1988 von Scottish Natural Heritage zum offiziellen Fernwanderweg erklärt worden ist. Vom idyllischen Uferkraxeln bis hin zur sprichwörtlichen Stolperei über Stock und Stein ist alles dabei - und jeder Teil hat seinen eigenen Reiz. Nach einer Übernachtung in Glasgow, wo ich die ersten Unterkünfte auf meiner Strecke im lokalen Tourist Information Centre gebucht hatte, nahm ich den Bus nach Drymen, einem kleinen Örtchen südöstlich des Loch Lomond, des größten Sees in Schottland. Hier führte mich ein eindeutiger Holzwegweiser auf den Pfad, und eine innere Stimme sagte ganz aufgeregt zu mir: "Das Abenteuer beginnt." Das war ein ganz besonderer Moment, verbunden mit einem eigenartigen, prickelnden Gefühl, zumal ich in jenem Augenblick meine erste mehrtägige Wanderung begann. Als ich dann zum ersten Mal freien Blick auf den Loch Lomond und den berühmten Conic Hill hatte, schien mein Herz spürbar einen Sprung zu tun: Ich war da! Vor mir lagen die Highlands, deren unberührte und mit niedrigem Gras bewachsene Hänge jenen rauhen Charme ausstrahlen, der diese Region so faszinierend macht...
Seufzend zupfe ich meine Bastmatte zurecht und lasse den Blick über die Gipfel streifen. Genüßlich schlürfe ich meine Koffeinbombe, die mich für den weiteren Weg rüsten soll. Mein Magen macht knurrend auf sich aufmerksam - irgendwo im Rucksack muß doch noch ein Schokoriegel sein?!
Entspannt lehne ich mich an den kleinen Erdhügel und genieße die Ruhe. Es ist einfach phantastisch: Ich sitze hier allein inmitten einer faszinierenden ursprünglichen Landschaft und vermisse in diesem Moment wirklich nichts. Der blaue Himmel, in den sich leider die ersten Regenwolken hineinmogeln, der leise rauschende Wind und die herbe Landschaft ringsum lösen eine innere Ruhe aus, die ich noch stundenlang auskosten könnte. Hier im Rannoch Moor herrscht wirklich eine ganz besondere Atmosphäre!
Als ich heute morgen um halb zehn Bridge of Orchy, ein winziges Nest, das nur aus einer Handvoll Häuser und einem einzigen und dazu noch recht teuren Hotel besteht, verließ, hatte ich eine Begegnung der dritten Art: Ich habe Nessie kennengelernt! Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hielt ein Tandem, das von einem grünen Pappmonster gesteuert wurde. Die beiden Fahrer, die darunter schwitzten, erklärten mir, dass sie an einer Wohltätigkeitsfahrt für an Lungenkrebs Erkrankte teilnahmen. Mit ihrer Kostümierung wollten sie besondere Aufmerksamkeit erzielen, was ihnen mit Sicherheit gelungen sein dürfte. "Es war seine Idee!" schimpfte der Vordermann mit einem Fingerzeig auf seinen Partner und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Kameramann auf dem Motorrad, das in dem Augenblick neben uns stoppte, gab nur grinsend ein "Crazy!" von sich...
Mit meiner Ankunft in Bridge of Orchy hatte ich ungefähr die ersten zwei Drittel des West Highland Ways geschafft. Das dem Hotel angeschlossene sogenannte "Bunkhouse", eine Art Jugendherberge, die nur "basic services" bietet, stellt für die zahlreichen Wanderer hier die einzige Übernachtungsmöglichkeit dar. Für kleines Geld erhält man ein Nachtlager auf einer Holzpritsche, die mit einer durchgelegenen und mitunter leicht angefressenen Matratze schüchtern bedeckt ist. Wer sich auf seiner Tour nicht mit einem Schlafsack belasten wollte, kann sich Bettwäsche leihen; Frühstück gibt es dann in dem sehr netten Pub des Hotels. Leider kann man dabei aber nicht zwischen "scrambled" oder "boiled eggs" wählen - es gibt Einheits-Breakfast. Aber das sind alles Nebensächlichkeiten; für mich ist diese meine erste Fernwanderung ein richtiges Abenteuer!
Zwei Nächte habe ich in jener Herberge verbracht, in der ich auch die Bekanntschaft von John und einigen Wanderern aus Holland gemacht und mit ihnen unterhaltsame Abende inmitten musizierender Einheimischer verbracht habe.
Allerdings stand das Bunkhouse ständig unter der Belagerung von einigen Tausendschaften der winzigen "midges": Zu jeder Uhrzeit lauerten sie vor der Eingangstür und auch in den drei Badezimmern der Herberge und stürzten sich auf jeden Fleck nackter Haut, der sich ihnen bot. Noch nie war ich mit meiner Morgenwäsche so schnell fertig wie in diesen Tagen! Mit diesen Erfahrungen ist es kein Wunder, dass in nahezu jeder Unterhaltung zwischen Wanderern die Frage "Have you been midged, too?" auftaucht...
Jeder Teil des WHW, den ich bisher kennengelernt habe, hat seinen besonderen Reiz. Insbesondere das Ostufer des Loch Lomond, an welchem sich der Weg über eine Strecke von etwa 32 Kilometer entlangschlängelt, hat einige der schönsten, aber auch der anstrengendsten Abschnitte zu bieten. Die zahlreichen wunderschönen, kleinen Sandstrände, die ich zum Teil mit faul herumliegenden einheimischen Bergziegen teilen mußte, laden stets zu einer wohlverdienten Pause ein. Das Kühlen der malträtierten Füße im kalten Loch-Wasser kommt zwar einer Kneipp-Kur gleich, tut aber unheimlich gut.
Die unglaubliche Idylle, die ich an zahlreichen Stellen vorgefunden habe, hat mich immer wieder in Erstaunen versetzt und meine Begeisterung wachsen lassen. Obwohl die bisherigen Abschnitte für mich als relativ ungeübten Wanderer zum Teil recht anstrengend gewesen sind, habe ich doch jeden Augenblick genossen. Die stellenweise sehr üppige Vegetation aus wildem Rhododendron und Ginster, die zahlreichen Begegnungen mit den anderen Mitgliedern der großen Wandererfamilie, der ich mich sofort zugehörig fühlte, und die Einsamkeit beim Wandern sind für mich eines der großartigsten Erlebnisse seit langem.
Ich atme tief durch. Mein Kaffeebecher ist mittlerweile geleert, und so langsam treibt es mich weiter. Einige Kilometer habe ich noch vor mir, bis ich das Kingshouse Hotel erreiche. Die paar dunklen Wolken am Himmel machen mir keine Angst, und gemütlich marschiere ich weiter auf dem gut markierten Pfad. Als ich die Bà Bridge überquere, von der aus ich einen atemberaubenden Blick auf den 852 Meter hohen Meall Tionall erhasche, von dessen Gipfel der River Bà herabfließt¸ treffe ich drei Holländer wieder, die ich in Inversnaid kennengelernt hatte. Liegen die doch hier glatt faul auf der Haut, knufen ein paar Stullen und sonnen sich! Nach einer kurzen Plauderei mache ich mich wieder auf und erreiche nach einigen Minuten die Ruine Bà Cottage, die sich im herrlichen Sonnenlicht unglaublich fotogen zeigt. Es ist wahrhaft der schönste Tag bisher, und ich lasse mir Zeit, ihn zu genießen.
Kurz bevor der Regen dann doch endlich einsetzt erreiche ich das Hotel an der Bundesstraße A 82, die direkt in das Herz der West Highlands hineinführt: in das Glen Coe, wo auch der Film "Braveheart" gedreht wurde. Nach einer ausgiebigen Dusche finde ich in der Cocktail Bar dann auch John wieder, der sich einen Salat gönnt - er ist Vegetarier und war mit dem Frühstück in Bridge of Orchy überhaupt nicht zufrieden! - und über seinen Karten brütet. Ich geselle mich zu der Runde der Wanderer, die sich hier versammelt haben, und zusammen verbringen wir einen lustigen Abend. Trudi, eine fröhliche Schweizerin mittleren Alters gibt in ihrem unnachahmlichen Dialekt zum besten: "Dass ssind zwarr kainä rrichtigän Bärrge hierr, abärr äss isst trotzdem wundärrschön!" Das kann man nur unterstreichen!
Der nächste Tag ist dann leider nicht mehr so schön. Das ganze Tal ist wolkenverhangen, gerade so, dass man die Gipfel der Berge nicht sehen kann. Stets liegt ein leichter Dunst in der Luft, und hin und wieder regnet es etwas heftiger. Heute erlebe ich die größte Strapaze auf dem Weg: Ich muß den sogenannten "Devil’s Staircase" überwinden, mit nahezu 300 Metern die größte Steigung auf dem WHW. Anscheinend ist dieser Abschnitt aber eine Art Volkssport in dieser Gegend. Noch nie habe ich unterwegs so viele Wanderer auf einmal gesehen. Ich treibe sie förmlich vor mir her, als ich schnaufend den Berg angehe und alle paar Meter eine Pause einlegen muß. Schneller als erwartet jedoch erreiche ich die Paßhöhe und gönne mir einen Apfel zur Belohnung. Selbst bei diesem diesigen Wetter ist die Aussicht von hier oben fantastisch, und ich seufze ergriffen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tales erkenne ich den Buachaille Etive Mór und den Verlauf des Allt Lairig Gartain am Fuße seines Nordwesthanges. Dorthin werde ich am letzten Tag meiner Reise zurückkehren und den Pfad erkunden, der durch das Glen Coe führt...
Aber nun geht es erst einmal wieder bergab Richtung Kinlochleven, wo ich heute abend übernachten werde. Dieses ist der erste "richtige" Ort auf dem WHW, und hier tätige ich dann auch einige kleine Einkäufe und genehmige mir mein erstes Magnum unterwegs. Ich könnte mich auch schon um eine Unterkunft für morgen kümmern, aber man muß halt Prioritäten setzen. Beim anschließenden Kaffeetrinken im nahen Pub erhalte ich auf meiner Suche nach einer Bleibe für die morgige Nacht dann unverhofft Hilfe durch den Barkeeper: Er sucht mir einige Telefonnummern aus den Gelben Seiten heraus, die ich nachher einmal ausprobieren werde.
Mit Erschrecken stelle ich fest, dass sich meine Herberge am anderen Ende des Ortes hoch oben an einem Hang befindet, und so muß ich nach dieser Verschnaufpause noch eine letzte Kraftanstrengung auf mich nehmen, um letztlich klitschnaß - was für ein Wolkenbruch auf dem letzten Kilometer! - die Eingangshalle zu betreten. "Walkers welcome" aber heißt es auch hier, und ich muß nicht einmal meine Wanderstiefel ausziehen, als man mich zu meinem Zimmer hinaufführt.
Nun ja, die Dusche liefert nur eiskaltes Wasser, aber dafür bin ich um so schneller für das Abendessen bereit. Eigentlich wollte ich anschließend wieder in den Ort hinunter, um im Pub die anderen Wanderer zu treffen, aber bei dem Wetter zieht mich heute nichts mehr hinaus. Stattdessen verbringe ich den Abend in der Cocktail Bar des Hotels und wärme meine gequälten Füßchen am Kaminfeuer. Während eine kleine Whisky-Probe meine Sinne öffnet (Glenlivet und Highland Park sind sehr milde Sorten, die ich beruhigt empfehlen kann), lausche ich den Erzählungen von Paul, der früher einmal Marinetaucher war und nun hier in der Region Dächer flickt. Allerdings nur, wenn es nicht regnet. Und es regnet oft in Schottland...
Bereits als ich aufwache, ahne ich, dass ich heute auf dem letzten Abschnitt noch einmal so richtig naß werde. Und richtig. Den ganzen Tag nimmt der leichte Nieselregen kein Ende. Meine Sympatex-Jacke quittiert ihren Dienst nach einigen Stunden Dauerberieselung, und trotz des sich schnell einstellenden Fatalismus ist das Gehen nicht mehr so angenehm. Zahlreiche fremdartige Eindrücke, die sich bei diesem Wetter ergeben, entschädigen aber für die widrigen Umstände. Insbesondere die Wolkenfetzen, die wie altersschwache Tiere über die Hänge kriechen, wecken interessante Assoziationen in mir. Den Kopf schüttele ich aber erst, als ich eine Gruppe etwa vierzehnjähriger Mädchen überhole, die nur mit T-Shirts bekleidet durch den Regen stapfen. Als ich dann am frühen Nachmittag zum ersten Mal den Ben Nevis erblicke bzw. das, was man durch den Wolkenschleier von ihm erkennen kann, atme ich doch erleichtert auf. Das Glen Nevis ist erreicht, und ich habe nur noch etwa drei Kilometer auf der Straße zurückzulegen, bis ich vor dem Ziel niederknien und dem Erbauer der Highlands huldigen kann...
Diese drei Kilometer aber machen überhaupt keinen Spaß. Es ist ein gewaltiger Unterschied, plötzlich auf Asphalt zu laufen, und meine Füße protestieren heftigst. Und dann steht es vor mir, das große sechseckige Schild mit der Aufschrift "The End of the West Highland Way". Und darunter der Glückwunsch "Congratulations from the Ben Nevis Woollen Mill". Seufzend stelle ich fest, dass ich mich überhaupt nicht freue. Ich bin sogar etwas enttäuscht, dass der Weg hier schon zu Ende sein soll. Aber bekanntlich ist ja der Weg das Ziel. Und das hat sich hier wieder einmal mehr als bestätigt! Ob Laotse die Highlands kannte?
Aber ich bin ja noch längst nicht fertig mit meinen West Highland-Unternehmungen. Heute abend noch werde ich mit dem Bus zurückfahren nach Ballachulish, und von dort aus werde ich morgen zum Abschluß eine 15-Kilometer Wanderung in das Glen Coe hinein durchführen - auf den Spuren von William Wallace!





