Highland Games in Braemar
Die königliche Familie zu Gast
Quer durch (ziemlich) unbewohntes Heide-Moorland suchten wir uns unseren Weg: Straßenschilder waren z.T. nicht vorhanden, und wir mussten unseren Weg aus Himmelsrichtung und Kartenmaterial erahnen! Gott sei Dank klappte das ganz gut.
Hinter Grantown-on-Spey wurde die Landschaft wieder bergiger, und schließlich führte eine Single-Track-Road Richtung Braemar. An der "Bridge of Gairn", einer ziemlich genau halbrunden Steinbrücke, kam uns dann ein großer Reisebus entgegen. Als dieser die Brücke überquerte, sah das so aus, als würde er vornüber kippen, sobald er die Kuppe überquert hatte. Aber es ging alles gut. Es ging sogar alles gut, als er sich in der anschließenden Kurve an uns vorbeiquetschte...
Um 17 Uhr 30 erreichten wir das kleine Örtchen Braemar. Wir passierten das nicht besonders beeindruckend wirkende Braemar Castle sowie eine matschige Wiese, auf der sich bereits Wohnmobile befanden. Das sah sehr nach einem Ausweichcampingplatz aus, der bei dem zu erwartenden Ansturm auf die morgigen Spiele eingerichtet worden war. Aber hier wollten wir uns nicht hinstellen; womöglich kamen wir aus dem Matsch nicht mehr heraus! Also fuhren wir zunächst einmal direkt in den Ort hinein, zur Tourist Info, wo wir auch einen Parkplatz fanden.
Der Ort wirkte sehr freundlich und unglaublich ruhig, es war noch gar nichts los. Dabei hatten wir befürchtet, dass hier schon der Bär los sei... Im Tourist Info Centre war man dann sehr hilfsbereit. Ich hatte ja für die Games vom örtlichen Pressebüro einen Presseausweis erhalten, mit dem ich die Spiele vom Inneren der Arena aus beobachten und fotografieren konnte. Leider durften wir nicht schon jetzt auf den Presseparkplatz fahren, um auch dort zu übernachten, was sehr praktisch gewesen wäre. Allerdings, schlug man uns vor, könnten wir uns auch auf den Parkstreifen hinter dem Info Centre stellen. Und das, obwohl es in dem Ort einen Campingplatz gab! Das fanden wir sehr nobel.
Während wir uns auf unserem neuen Stellplatz auf das Abendessen vorbereiteten, hörten wir plötzlich Dudelsackklänge aus der Ferne. Eine Band marschierte in den Ort! Sofort liefen wir die wenigen Meter zum Pub des Fife Arms Hotels, das direkt gegenüber der Tourist Info lag, und fanden schon eine kleine Menschenmenge vor, die die Ballater & Districts Pipe Band umrahmte. Die kleine Gruppe traditionell gekleideter Dudelsackspieler wollte gar nicht mehr aufhören, und schließlich zog man spielenderweise mit der ganzen Menschentraube im Anhang durch den Ort Richtung Wettkampfarena. Erst hier, direkt vor einem Partyzelt oberhalb der Arena, verstummte die Musik, und die Gruppe bereitete sich auf ein Bier vor. Auch wir wollten noch eines trinken und begaben uns wieder hinunter zum Pub des Hotels. Dieser war bereits gut gefüllt, denn es sollte noch Life-Musik geben: Eine Gruppe namens "Shindig" interpretierte moderne Popsongs, während wir uns ein Pint Ale gut schmecken ließen. Im Toilettenraum des Pubs stellte ich dann fest, dass die Legende von den Kondomen mit Whiskygeschmack tatsächlich stimmte! Besonders keck war der Spruch: "Don't drive after use"...
Am nächsten Morgen klingelte unser Wecker bereits um 6 Uhr. Es war der erste Samstag im September, und wir wollten nichts verpassen. Schließlich fanden die berühmten Braemar Highland Gatherings statt, und traditionsgemäß sollte auch die königliche Familie zu Gast sein, die zu dieser Zeit im benachbarten Balmoral in ihrer Sommerresidenz Ferien machte. Diese Tradition geht schon zurück auf Königin Victoria, die die Spiele 1848 zum ersten Mal besucht hatte. Und ich durfte alles aus nächster Nähe fotografieren! War das alles aufregend...
Draußen begannen Polizisten damit, die Hauptstraße abzusperren, und vorsichtshalber erkundigte ich mich, ob wir unser Wohnmobil dort stehen lassen konnten. Das stellte sich dann aber als kein Problem heraus. So konnten wir in aller Ruhe frühstücken. Und siehe da: Es zeige sich ein strahlend blauer Himmel! Was für ein Tag!
Inmitten der ersten Menschenströme marschierten wir gegen halb zehn Richtung Wettkampfarena. Es handelte sich dabei um ein etwa fußballfeldgroßes, grasbewachsenes Oval, das im Norden und Osten von einigen Tribünen (insbesondere der königlichen Ehrenloge) und ansonsten von sanften Hügeln umrahmt wurde. Einige Zelte, etwa für die Presse oder mit Imbissständen, befanden sich in der näheren Umgebung.
Claudia suchte sich einen netten Stehplatz, während ich zur Registrierung das Pressezelt aufsuchte. Hier lernte ich dann Bob Smith persönlich kennen, der mir den Presseausweis zugeschickt hatte. Ich erhielt noch einige Informationen über die Spiele und durfte dann sofort loslegen. Aufgeregt betrat ich das Innere der Arena, das Wettkampfgrün, und marschierte mit angelegtem Fotoapparat zwischen den Athleten für die "Heavy Events" wie Kugelstoßen, Hammer- und Baumstammwerfen sowie den Tauziehern und Dudelsackpfeifern hin und her.
Claudia verglich das ganze mit einem Schulsportfest, bei dem an mehreren Stellen auf dem Rasen gleichzeitig etwas passierte: Hier fand ein Wettkampf im Tauziehen statt, dort wurde der Hammer geworfen, auf einer kleinen Bühne tanzten die Mädchen den Schwertertanz und wurden von eifrigen Richtern benotet. Dann gab es noch Weitsprung- und Spurtwettkämpfe sowie das Sackhüpfen für die Kleinen!
Das Tauziehen fand Claudia persönlich am interessantesten. Hier traten verschiedene Militärgruppen gegeneinander an und wurden von ihren Kommandeuren angetrieben. Und diese zeigten ebensolchen Einsatz wie die Mannschaften am Seil, besonders im Finale, wo sie in ihrer Uniform antraten und ihre Jungs zum Sieg schreien wollten.
Die Freunde der Dudelsackmusik kamen natürlich auch nicht zu kurz. Diverse Bands aus der Region sowie die berühmte Canadian Massed Pipe Band trugen zur Unterhaltung bei.
Ein Höhepunkt der Spiele war sicherlich der Hill Race: Mehrere Dutzend Teilnehmer liefen den 890 Meter hohen Hausberg von Braemar, den Morrone, hinauf und wieder hinunter. Dem Sieger gelang dies in etwa 25 Minuten! Wahnsinn.
Die Welt ist klein, bemerkte ich dann wieder einmal. Am Rande der Arena sprach mich ein Mann an, zeigte auf einen neben ihm stehenden traditionell gekleideteten alten Mann und meinte: "Ist das nicht ein schönes Motiv?" Der alte Mann stellte sich dann als Frank Ellrick vor und erzählte, dass er nach dem Krieg in Düsseldorf und Duisburg stationiert gewesen sei. Er meinte, sein Bild müsse unbedingt auf der Titelseite einer Düsseldorfer Zeitung prangen...
Und dann war es um 15 Uhr so weit. Sämtliche Fotografen wurden aus der Arena verbannt und hinter einer Absperrung nicht weit der königlichen Loge zusammengetrieben. Dann kam eine Karawane aus Limousinen vorgefahren, aus denen allerlei Adel ausstieg, u.a. auch die Königin selbst samt Ehemann, Prinz Charles und Prinz William. Die königliche Familie nahm in der Loge Platz, während bei den Fotografen die Finger an den Auslösern festgewachsen zu sein schienen (natürlich machte auch ich einige Bilder)...
Die Königin nahm dann einige Siegerehrungen vor, obwohl auf dem Rasen noch längst nicht alle Aktivitäten beendet waren. Um 17 Uhr fuhr die königliche Familie wieder ab, und das war für die meisten Zuschauer der Auslöser, ebenfalls zu gehen. Claudia und ich beendeten den Abend erneut im Pub des Hotels Fife Arms und gönnten uns ein Ale, während im Fernsehen die deutsche Fußballnationalelf sang und klanglos England mit 1 zu 5 unterlag...
Den nächsten Morgen nach jenem denkwürdigen Samstag begannen wir mit einem echten schottischen Frühstück, das wir in Gordons Restaurant zu uns nahmen. Obwohl es Sonntag war, konnten wir in den geöffneten Läden einige kleine Einkäufe tätigen, bevor wir zu einer Wanderung am Loch Callater aufbrachen. Hinter dem See, der etwa 5 Kilometer von der Straße entfernt lag, ging es steil bergauf zu einem Aussichtspunkt, der einen unglaublichen Blick auf einen einige hundert Meter tiefer gelegenen See erlaubte. Der Weg hinauf war sehr anstrengend, und oben war es sehr zugig und frisch, so dass wir unsere Kapuzen tief in die Gesichter zogen. Wir trafen dort auf ein junges Pärchen einheimischer Wanderer, die nur meinten, es sei ein guter Tag zum Wandern, es sei nicht "zu warm"! Nein, das war es nun wirklich nicht!
Die Nacht verbrachten wir auf dem Campingplatz von Braemar, der zwar sehr sauber, aber auch sehr teuer war. 14 Pfund 50 wollte man für eine Übernachtung haben! Zum Abendessen verschlangen wir einige Teller Nudeln, die wir uns nach dem anstrengenden 16-Kilometer-Marsch redlich verdient hatten.
Am nächsten Morgen musste ich beim Befüllen unseres Frischwassertanks feststellen, dass in den 14 Pfund 50 (ich komme heute noch nicht darüber hinweg) nicht einmal ein Wasserschlauch inbegriffen war. "Haben wir hier nicht", hieß es nur. So musste ich den Tank mit unserer Gießkanne füllen. Bestimmt zwanzig mal durfte ich den Weg zwischen Wasserhahn und Wohnmobil zurücklegen, eine undankbare Aufgabe...























