Stadtbesichtigung und Military Tattoo Festival in Edinburgh
Kulturelle Highlights in der schottischen Metropole
Es regnete heftigst. Nein, es schüttete sintflutartig. Im Internet hatte ich vor Antritt der Reise für unseren Aufenthalt in Edinburgh diverse Campingplätze herausgesucht. Den ersten, den wir anfuhren - Little France Park - gab es gar nicht mehr. Also steuerten wir den südlich des Zentrums, aber in Stadtbusnähe gelegenen Mortonhall Caravan Park an.
Wir reservierten gleich für die nächsten beiden Nächte und schluckten kräftig, als man uns den Preis nannte: Sagenhafte 15 Pfund kostete eine Nacht, also etwas mehr als 46 DM! Am besten war aber noch der Spruch der Rezeptionistin: "Ihr müsst etwas aufpassen, es hat viel geregnet, und der Boden ist matschig. Wenn Ihr morgen früh nicht raus kommt, sagt uns bescheid - wir haben einen Trecker!"
Die Tragweite dieser Aussage war uns erst bewusst, als wir unseren Stellplatz aufsuchten und nur eine tiefdurchtränkte Wiese vorfanden. Schon beim Rangieren vor dem Stromanschluss fuhr ich unser Reisemobil fast im Dreck fest. Der von den durchdrehenden Rädern hochgeschleuderte Matsch verfehlte Claudia, die mich einwies, nur knapp...
Das Sauwetter hielt den ganzen Tag an. Den geplanten Kurzausflug in die Innenstadt, wo wir den Rest des Tages verbringen wollten, ließen wir daher ausfallen; stattdessen nutzten wir die Zeit zum Lesen; u.a. versuchten wir hinter die Aussagen der neueren Werke von Ernst Holmunollper zu kommen.
Aber am nächsten Morgen strahlte ich beim Blick durch die Gardinen genauso wie die Sonne am Himmel! Keine Wolke war zu sehen, das Regenwasser hatte sich sämtlich auf der Campingplatzwiese verteilt. Wunderbares Wetter für einen Bummel durch die Stadt! Hoffentlich hielt es bis abends; das Miltitary Tattoo Festival fand natürlich unter freiem Himmel statt.
Die sanitären Anlagen im Mortonhall Caravan Park waren nicht die besten. Achtung: Die einzelnen Hütten haben unterschiedliche Ausstattung. Gucken Sie sich alle an, und suchen Sie sich die angenehmste aus!
Wir informierten uns über die Busverbindung in die Innenstadt und marschierten Richtung Bushaltestelle, die in der Nähe der Einfahrt zum Campingplatz lag. Allerdings gab es zwei: eine auf dieser Straßenseite (direkt neben der Einfahrt), an welcher sich eine große Traube Camper knubbelte, und eine weitere auf der anderen Straßenseite, etwa hundert Meter links die Straße hinunter. Klar, dass letztere die richtige Haltestelle war, wenn man nach rechts in die Stadt fahren wollte. Also stellten wir uns (fast) als einzige an jene Haltestelle. Kaum kam unser Bus, rannten alle von der anderen zu uns herüber! Man sollte halt nicht immer dem Herdentrieb folgen....
Um 11 Uhr bestiegen wir den Calton Hill, den das Observatorium der Stadt krönt und der einen fantastischen Blick über Edinburgh bietet. Man kann wunderbar die Princes Street hinunterblicken, erkennt weit hinten das Castle (die Tribünen für das Festival samt Fähnchen waren deutlich zu sehen!), und kann über das weite Häusermeer bis zum Firth of Fourth blicken. Herrlich. Irgendwie fehl am Platze kam uns jedoch das einer griechischen Tempelruine gleichende National Monument vor, das einsam auf dem Platz gegenüber dem Observatorium steht, direkt neben dem Nelson Monument, welches man aber gar nicht begehen konnte, wie überall geschrieben stand.
Beeindruckend auch der Blick Richtung Old Town. Die hohen, graubraunen Mauern der alten Gebäude wirkten so duster und geheimnisvoll!
Zu einem ausgedehnten Bummel begaben wir uns dann allerdings erst in die New Town. Etwas Shopping, ein Latte im Starbucks Coffee und schließlich ein erstes Bier in einem Pub in der Rose Street ließen den Nachmittag so langsam ausklingen. Fish 'n Chips und ein weiteres leckeres Ale genossen wir dann als Abendessen im Buddy Mulligans Pub am Grassmarket in der Old Town, unterhalb der High Street. Witzig: Mehrere Pubs haben sich zum sogenannten "Ale Trail" zusammengeschlossen. Wer ihn erfolgreich bestreitet, d.h. in jedem der zugehörigen Pubs ein Pint zu sich nimmt, erhält als Trophäe das "Ale Trail-T-Shirt"...
Gegen 19 Uhr näherten wir uns Lawnmarket, dem Platz unterhalb des Castles, auf den die nostalgische High Street, die Royal Mile führt. Hier trafen wir auf ein typisch britisches Phänomen, das uns aber dennoch in der hier dargebotenen Form erstaunte: das Queueing, das Anstehen in einer Warteschlange. Auf diesem Platz - Lawnmarket - treffen drei Straßen zusammen, eine davon führt zum Schloss hinauf. Diese Straße war von Polizisten abgesperrt und nicht passierbar. Auf den Bürgersteigen der anderen beiden Straßen waren an verschiedenen Stellen insgesamt drei Schilder aufgestellt worden mit der Aufschrift: "Tattoo-Queue starts here", und hinter jedem Schild reihten sich Hunderte von geduldig wartenden Menschen. Die Strassen selber waren allerdings frei begehbar! Man hätte sich ohne Probleme direkt an die abgesperrte Straße stellen können...
Da wir den ganzen Tag schon ständig auf Toilette mussten, blieb uns das auch hier nicht erspart. So fragte ich einen Beamten nach dem nächsten öffentlichen Klo. Dieser deutete auf das Castle mit den Worten: "Das ist jetzt aber noch gesperrt", und meinte dann, wir sollten doch irgendwo in einen Pub gehen. Auf meine Frage, wann denn hier Einlass zum Tattoo sei, antwortete er: "Um halb acht. Sie können sich an die Warteschlangen anstellen, wenn Sie wollen. Sie können aber auch einfach mit marschieren, wenn es los geht."
Es war schon witzig. Rings um uns standen die Leute in deutlicher Entfernung des Aufganges zum Schloss an einem willkürlich markierten Punkt und warteten darauf, los gehen zu dürfen. Wir konnten aber beliebig kreuz und quer auf dem Platz herumrennen.
Am Kopfende des Platzes befand sich eine ehemalige Kirche, in der nun u.a. ein Café untergebracht war. Dieses erwählten wir für unseren Klo-Besuch. Drinnen jedoch stellten wir fest, dass man - wohl Bescheid wissend über die menschlichen Bedürfnisse der draußen wartenden Menge - einen Wächter vor der Toilette aufgestellt hatte. Neben ihm machte uns ein Schild mit der Aufschrift "For Clients only" klar, dass wir hier erst noch einen Kaffee trinken mussten, bevor wir unsere Blasen entleeren konnten. Also nahmen wir in den recht modernen Räumlichkeiten Platz; wir hatten ja eh noch etwa zwanzig Minuten Zeit. Erstaunlicherweise war das erste, was wir von der Kellnerin erhielten, nicht die Karte, sondern ein kleiner Zettel mit einer Nummer darauf, der uns für die Toilettenbenutzung authorisierte. Krass. Fast schon Realsatire. Bevor unser Kaffee kam, hatte Claudia diesen Service schon genutzt.
Nach dem Kaffeegenuss sahen wir, dass es draußen los ging. Die Massen machten sich auf den Weg Richtung Schlosseingang. Auf der Strasse erkannten wir schnell, dass das ganze Schlangestehen den Beteiligten nichts gebracht hatte: Die drei Schlangen vereinten sich bereits nach wenigen Metern zu einer einzigen unübersichtlichen Menschenmenge. Man hätte schmunzeln können. Noch mal Realsatire.
Am Straßenrand stand ein Verkäufer mit einer Handvoll Programmhefte auf dem Arm und rief laut etwas, das sich wie "Fö pau!" anhörte. Ich fragte ihn, was denn ein Heftchen kostete, erntete einen ungläubigen Blick und die deutliche Antwort "Four pounds!" Tja, das war es wohl auch, was er schreiend von sich gegeben hatte...
Die Sitzplätze, die ich vor der Reise per Internet (alles per Internet, gell?!) bestellt hatte, offenbarten uns einen Blick nach Süden; von der Stadt sah man aber nichts, da die gegenüberliegende Tribüne die Sicht versperrte. Der Vorplatz des Castles war von drei Tribünen eingerahmt worden: eine jeweils im Norden und im Süden sowie gegenüber des Schlosses im Osten die mit den besonders teuren Plätzen. Wir konnten den dort Sitzenden nur wünschen, dass sie für den erheblich höheren Preis auch entsprechend breitere Sitzflächen hatten als wir! Es war wirklich verdammt eng in den Sitzreihen; man musste die Schultern einziehen, damit man sich nicht mit dem Mann nebenan verhakte. Nun ja, so wurde es wenigstens kuschelig, denn abends kam plötzlich doch ein kühler Wind auf.
Das Tattoo selber war recht putzig, aber sehr interessant und einfach mal ein Erlebnis. Diverse Militärkapellen von schottischen Dudelsackpfeifern bis amerikanischer Infanterie sowie irische Step- und Südsee-Bauch-Tänzerinnen ließen eineinhalb Stunden schnell vergehen. Mit dem letzten Bus gelangten wir schließlich mitten in der Nacht zum Campingplatz zurück.
Am nächsten Tag wollten wir Edinburgh Richtung Isle of Skye verlassen. Doch zunächst trat das ein, worauf man uns schon beim Check-In auf dem Campingplatz vorbereitet hatte: Wir steckten in der vom Regen aufgeweichten Wiese fest. Es ging kaum vor und zurück, und gerade, als wir schon den Trecker rufen wollten, kamen wir doch noch frei. Wie hatten die anderen Wohnmobile das nur geschafft, die am frühen Morgen alle so schnell verschwunden waren?
Nach einem kurzen Einkauf in einem Safeway-Supermarkt und einer Drogerie (man kann verdammt günstig Aspirin und Magnesium-Tabletten kaufen in Grossbritannien!) machten wir noch einen Abstecher zum Palace of Holyroodhouse, in dem die Königsfamilie residiert, wenn sie in Edinburgh zu Gast ist. Wir besuchten das Innere und auch den Garten, mussten aber feststellen, dass dieser recht teure Trip aus unserer Sicht nicht besonders empfehlenswert ist. Das Schloss war dunkel und muffig, und man sah nicht viel wirklich interessantes.
Unser Weg führte uns dann zunächst weiter Richtung Stirling. Eine Pause legten wir an der geschichtsträchtigen Ruine des Linlithgow Palace ein. Auch wenn wir uns eine Innen-Besichtigung sparten, erschienen uns diese Gemäuer doch interessanter als der Palace of Holyroodhouse.
In Stirling selber hatte uns der Regen wieder eingeholt, und da wir wieder einmal erst die Toiletten aufsuchen mussten, hatte das Schloss bereits geschlossen, als wir vor den Toren auftauchten. Und dabei war die Fahrt den Berg hoch durch die engen Gassen der Stadt mit unserem Fahrzeug nicht ganz trivial gewesen. Die Richtung hatte uns ein vielsagender Wegweiser gedeutet: "Castle and Toilet" stand dort einträchtig auf einem Schild; zwei für den Touristen wichtige Anlaufstellen in Eintracht nebeneinander!
So fuhren wir gleich weiter Richtung Glencoe. Am idyllisch gelegenen Loch Lubnaig richteten wir uns auf dem dortigen Rastplatz für unsere nächste Übernachtung ein. In Edinburgh hatten wir noch vorsorglich Frischwasser getankt und unsere Chemietoilette geleert, so dass wir wieder einige Tage autark sein würden und uns einige Übernachtungen außerhalb von Caravan Parks erlauben konnten. Und der Platz erwies sich als wunderschön. Obwohl zum Abendessen die ersten Midges aufkamen. Diese kleinen Beissfliegen mit einer Flügelspannweite von nur etwa 1,4 Millimetern konnten über die Mückennetze vor den Wohnmobilfenstern nur lachen - die Löcher darin waren so breit, dass sie locker zu zweit oder dritt nebeneinander hindurchgepasst hätten! Kaum zu glauben, wie viele von den lästigen Kleintieren plötzlich an der Decke und in den Vorhängen saßen! Wir waren dann erst mal eine Zeit lang mit dem Zerdrücken der Biester beschäftigt.
Am nächsten Morgen bot sich uns ein herrliches Bild: Die Hügel, die sich hinter dem gegenüberliegenden Seeufer erstreckten, spiegelten sich im klaren, ruhigen Wasser des Sees, der Himmel leuchtete wieder einmal fantastisch blau, und das Frühstück schmeckte gleich doppelt so gut.












