Tag 9: Agadir - von Schlangenbeschwörern und Löwenbräu

Rundfahrt durch die Stadt

An unserem ersten Morgen in Agadir sehen wir gleich Wolken am Himmel. Hoffentlich verschwinden die bald wieder. Wir können jetzt nichts weniger gebrauchen als eine verregnete zweite Urlaubswoche, in der wir womöglich die ganze Zeit hier im Hotel herumhängen müssen. Welch grausame Vorstellung!

Das Frühstücksbüffet findet unser Wohlgefallen. Es ist gut bestückt und abwechslungsreich; allerdings sieht auch hier die Wurst äußerst künstlich aus, so dass ich mich in der Hinsicht so stark zurückhalte, wie es nur geht: Ich eß' keine.

Heute soll ein Informationstreffen unseres Reiseveranstalters mit anschließender Stadtrundfahrt stattfinden. Während wir noch rätseln, wann und wo es für uns losgeht, machen sich Sabine und Heinz schon auf den Weg; ihr Reiseunternehmen veranstaltet auch so etwas. Aha! Nach dem x-ten Blick auf die -zig Aushänge am Schwarzen Brett sehen wir: Für uns geht's erst um 14 Uhr 20 los. Da haben wir ja noch 'ne Menge Zeit. Als wir uns poolfertig machen wollen, erscheinen die Zimmermädchen. Eines fragt mich, ob wir das gewesen seien, die sich gestern über die Handtücher beschwert haben, und macht mir mit Händen und Füßen und auf Französisch mit marokkanischem Akzent klar, dass die Waschmaschine kaputt ist und alle Tücher mit der Hand gewaschen werden müssen. Daher die Schmutzreste. Was soll man dazu sagen...

Trotz der Wolken ist es sehr heiß. Als Heinz und Sabine gegen Mittag von ihrem Happening zurückkehren, machen wir uns auf, etwas Essbares zu finden. An der Straße vor unserem Hotel (an der vom Strand abgekehrten Seite) bemühen sich eine Reihe Restaurants um die Touristen und ihre knurrenden Mägen. Direkt an der Straße hängen die Speisekarten in mehreren Sprachen wie Leuchtreklame aus. Teilweise stehen Kellner daneben und versuchen, uns hinein zu locken. Wir entscheiden uns für ein Bistro und werden von dem davor stehenden Menschen nahezu hereingezogen. Wir gönnen uns ein Sandwich und marokkanisches Bier. Na, beim ersten Schluck nicht schlecht. Erinnert mich ein bißchen an die spanische Cerveza in Lloret de Mar (ach ja, damals...). Aber beim zweiten schmeckt's schon wie abgestanden. Wir müssen uns unbedingt umschauen, wo es hier deutsches Bier gibt. Ansonsten werden wir bei Wein bleiben.

Von unserem Platz an der Straße können wir gut beobachten, wieviele Autos von den Polizisten angehalten werden, die eine kleine Hütte an der nächsten Straßeneinmündung bevölkern. Mitten auf der Fahrbahn steht nämlich eine Plattform (wahrscheinlich für einen Winke-Winke-Polizisten), an der die Autos rechts vorbeifahren müssen. Einige Fahrer sehen das wohl nicht ein oder wissen's halt nicht besser und werden prompt an den Straßenrand herangewunken. Uns kann zum Glück nichts passieren - wir sind ja zu Fuß.

Zu unserem Infotreff werden wir vor unserem Hotel eingesammelt und zum Hotel "Amadil" gekarrt, eine wirklich schöne Herberge mit riesiger Empfangshalle. In einem Saal stellt sich der marokkanische Vertreter unseres Reiseveranstalters vor und berichtet von Tagesausflügen, die angeboten werden. Einige der anderen Urlauber müssen natürlich sofort zu ihm rennen und buchen. Das nervt und kostet Zeit, die wir hier nur verschwenden. Anschließend geht's mit dem Bus quer durch die Stadt. Wir besichtigen die Ruinen der Kasbah hoch über dem Hafen. Als ob wir's geahnt hätten: Kaum sind wir ausgestiegen, sind wir mal wieder von marokkanischen Händlern umringt, die irgendwelchen Schund an den Mann (und vor allem an die Frau) bringen wollen; von Kindern, deren Ziegen wir auf den Arm nehmen sollen (wir fühlen uns schon selber auf den Arm genommen), und von Schlangenbeschwörern, von denen einer mir sofort eines seiner Viecher um den Hals legen will. Ich reagiere leicht gereizt und wehre unwirsch mit einem bestimmten "Nein! Ich hab' schon." ab. Da hält der mich doch glatt mit festem Griff am Handgelenk fest und will auch noch wissen, wo das denn gewesen sei. Völlig verblüfft antworte ich ihm wahrheitsgemäß: "In Marrakesh!", woraufhin er dann doch von mir ablässt.

Als wir endlich alle ausgeschwärmt sind, lassen die Plagegeister von uns ab, und wir können doch noch die Aussicht genießen: Von hier aus überblickt man ganz Agadir und erhascht auch einen Eindruck von dem Hinterland; das Auge schweift über den Hafen hinweg weit auf den Atlantik hinaus und möchte gar nicht mehr zurückkehren...

Auf dem Rückweg zum Bus behalte ich die lästigen die Händler im Auge. Schon während de Rundreise ist uns aufgefallen, dass diese Leute, die von den Touristen leben, sehr gut deutsch sprechen (und sicher auch noch andere Sprachen). Vor allem haben sie ein gutes Auge für die Urlauber, denn sie wissen stets, in welcher Sprache sie sie ansprechen müssen. Uns aber geht das alles fürchterlich auf den Geist. Fast nirgendwo kann man in Ruhe hergehen und sich umschauen, ohne von irgendwelchen aufdringlichen Touristen-Wilderern von der Seite angequatscht zu werden. Das kann einem die ganze Stimmung verderben.

Die Stadtrundfahrt geht weiter: Wir besuchen die Versteigerung in der Fischhalle des Hafens und bestaunen anschließend kuriose Autos und Lkw mit zwei (!) Lenkern - eine Fahrschule auf dem Gelände des alten, bei einem Erdbeben am 29. Februar 1960 zerstörten Agadir (wäre es exakt acht Jahre später gewesen, hätte man das womöglich auf meine Geburt geschoben...).

Natürlich müssen wir uns auch noch über den Markt von Agadir kämpfen. Aber der kann uns mit keinen Schrecken mehr schrecken. Anschließend dürfen wir in einer Ausstellung noch einmal Teppiche und andere Kunstgegenstände bewundern. Ich habe allerdings den Eindruck, dass mein Teppich aus Fes von besserer Qualität ist als die hier angebotene. Erst um 18 Uhr sind wir wieder in unserem Hotel - es ist fast schon wieder Zeit zum Essen!

Zunächst wechselt Birgit jedoch noch 100 DM in unserem Hotel, doch dabei will der Kerl hinterm Tresen sie doch glatt um 5 Dirham betuppen! Als wir ihn darauf aufmerksam machen und er sie uns aushändigt, verzieht er nicht mal eine Miene. Um halb acht treffen wir uns mit Heinz und Sabine zum Abendessen. Heute gibt es Büffet, und man merkt, dass die Bediensteten keine Lust haben, sich anständig um die Hotelgäste zu kümmern. Anschließend bestellen wir uns 4 Schnaps für den Magen (Birgit fühlt sich immer noch nicht ganz fit!).

Den restlichen Abend wollen wir etwas sehen vom Nachtleben in Agadir! Wir gehen die strandseitige Straße entlang und betreten den Agadir Beach Club. Das ist ein schönes, moderne Hotel! Hier hätten wir buchen sollen! In der Cocktail-Bar genießen wir jeder einen ihrer Namensgeber und die ausgelegten Knabbernüsse. Nebenbei spielen und singen zwei Marokkaner internationale Hits; sogar einige Gäste bringen sie zum Lautmalen.

Anschließend machen wir einen kleinen Spaziergang und gelangen zu einer Kneipe mit Löwenbräu-Emblem. Endlich! Hier genießen wir unser erstes echtes Bier in Afrika! Aber, bekanntlich hat ja alles seinen Preis: Hier kostet das 0,3-Liter-Glas Pils satte 8 Mark! Aber das ist es uns wert! Auf unserem weiteren Weg kommen wir an einer Disco vorbei, in die wir uns aber nicht 'reintrauen: Vier (!) Muskelprotze stehen Wache. Das macht Eindruck und schreckt uns ab. Also ab ins Bettchen...

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