Tag 8: Ende der Königsstädte-Tour
Auf nach Agadir
Leider fühlt sich Birgit wieder etwas schlechter. Den größten Teil der Fahrt schläft sie oder döst vor sich hin. Um halb zehn machen wir eine Kaffee-Pause in jenem Dorf, in dem wir schon in der ersten Nacht gehalten hatten. Jetzt weiß ich auch, wie es heißt: Imitenout. Während es anschließend 100 Kilometer durch den Hohen Atlas geht, sitzt Ibrahim zwei Reihen vor uns und duftet vor sich hin (euphemistisch betrachtet). Wir haben uns die ganze Zeit gefragt, ob er vielleicht im Bus schläft. Jedenfalls riecht er so, als ob er nie aus seinen Kleidern herausgekommen sei. Armer Kerl.
Draußen sehen wir eine schöne, vielfältige Landschaft mit Mandel- und Olivenhainen. Unsere Route führt uns über einen Pass, der auf 1700 Metern Höhe liegt. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf den Hohen Atlas, auf die Hochebenen, Tafelberge und schneebedeckten Gipfel in weiter Ferne. Man kann zum Teil die unterschiedlichen Gesteinsschichten erkennen, aus denen die Berge bestehen. Rot, weiß, gelb - die Farben wechseln von oben nach unten. Ausgetrocknete Bachläufe, von Palmen und niedrigen Bäumen umsäumt, geben uns einen Eindruck von den Oasen, die weit hinter den entfernten Gebirgsketten in den unendlichen Weiten der afrikanischen Wüste auf Reisende warten. Die Landschaft hier ist wirklich faszinierend. Teilweise sehen die Tafelberge, die wir umkurven, wie aus dem Boden hochgerissen aus, so zerklüftet sind die Steilhänge. Man glaubt, Reste von Mauern zu erkennen, die sich rings um den Hang herumziehen. Plötzlich erwartet uns auf der serpentinengleichen Straße ein wunderbarer Anblick: Einer der 36 Stauseen Marokkos glitzert vor uns im Schein der Vormittagssonne.
Mitten in der kargen Landschaft können wir Ziegen beobachten, die auf Arganinbäumen herumklettern und die wenigen Triebe abfressen. Sie gehören zu den handverlesenen Berbern, die hier vereinzelt in ihren Hütten aus Lehm und Stampferde leben. Aus Stampferde sind auch die Stadtmauern der marokkanischen Metropolen gemacht: Eine Schicht wird aufgetürmt, und es werden Löcher in der Mauer hinterlassen. In diese Löcher werden Stangen gesteckt, auf die Bretter gelegt werden. Von diesen Brettern aus legen die Arbeiter die nächste Schicht Lehm und Erde auf und stampfen sie. Und so weiter. Auf diese Art haben die Stadtmauern ihn pockennarbiges Aussehen erhalten.
Nur vereinzelt wächst Gras in dieser trostlosen, aber faszinierend schönen Landschaft. Einige Büsche erinnern an Critters-Kugeln. Doch je länger wir unterwegs sind, desto dichter wird die Vegetation. Die Baumarten ändern sich, die Critters verschwinden, und mittlerweile sind die Berghänge nicht mehr kahl, sondern bis oben hin bewachsen.
Als wir endlich freien Blick auf die Sous-Ebene haben, sitzt Kuhfladengesicht direkt vor uns. Links erscheint ein buntes Türmchen, auf das ihn seine Frau mit einem exaltierten "Da!" aufmerksam macht. Unvermittelt stürzt er auf die Sitzreihe neben ihm und versucht mit verkniffenem Gesicht, mit seiner Kamera das Gemäuer einzufangen. Wir amüsieren uns nur.
Erneut erfahren wir, wie gefährlich die Fahrt auf den marokkanischen Straßen sein kann: Am rechten Straßenrand hängt ein alter Bus schräg auf einer kleinen Mauer; er ist hinten links und vorne ganz eingedrückt. Aber endlich haben wir das Gebirge hinter uns gelassen und erreichen die ebene von Agadir. Die Baustelle, die uns in der ersten Nacht zur Tempodrosselung gezwungen hatte (was unserer sowieso schon mageren Reisegeschwindigkeit nicht gut getan hat), besteht immer noch. Aber bei dem chaotischen Zustand, in dem die Straße an dieser Stelle ist, wird sie auch noch vielen weiteren Rundreise-Touristen erhalten bleiben.
Nach mehreren Stunden Fahrt erreichen wir unseren Badeort Agadir und sehen ihn zum ersten Mal bei Tag. Nicht besonders einladend sehen die wie üblich einfachen und schmucklosen Häuser der Marokkaner aus, die auch hier zwischen Schutt und Staub stehen. Wir konzentrieren uns aber auf die ufernahen Stadtteile, in denen sich die Hotels befinden. Nach und nach werden unsere Mitreisenden zu ihren Unterkünften gebracht. Darunter sind richtige Nobel-Hotels, in denen wir am liebsten auch geblieben wären. Mit jedem weiteren Hotel nimmt die Qualität (jedenfalls dem äußeren Eindruck nach) immer mehr ab.
Schließlich erreichen wir unser Hotel - und sind erst einmal enttäuscht: Es ist ein relativ einfacher Betonbau schon älteren Jahrgangs und nicht besonders schön. Nachdem wir einige Zeit auf unseren Zimmerschlüssel haben warten müssen, können wir endlich auf unser Zimmer gehen. Es ist recht klein und einfach, sieht aber sauber aus. Das Bad lässt zwar etwas zu wünschen übrig, doch das war bei den anderen Hotels ähnlich, die wir während der Rundreise kennengelernt haben. Und, was noch auffällt, ist der bestialische Gestank nach Algen und Fisch, der von außen hereindringt.
Unser erster Gang in Agadir führt uns zusammen mit Heinz und Sabine an den Strand, den wir zum größten Teil in einem akzeptablen Zustand, stellenweise aber auch stark verschmutzt vorfinden. Unseren Spaziergang beschließen wir mit einem etwas verspäteten Mittagessen in einem der Strandrestaurants: Wir gönnen uns echte marokkanische Spaghetti Bolognese, die allerdings schnell kalt werden. Auf unserem Rückweg begegnen uns überall Bettler am Strand, und wir ziehen uns an den Pool des Hotels zurück.
Als wir die Handtücher aus unserem Badezimmer auf den Plastikliegen ausbreiten wollen, sehen wir erst, wie schmutzig sie sind: Die Tücher sehen aus, als ob jemand seine dreckigen Füße darauf abgetreten hat, als ob sie nicht gewechselt worden seien.
Da wir uns ja nichts mehr gefallen lassen, lege ich die Handtücher dem Rezeptionisten auf den Tresen und sage ihm meine Meinung. Sofort lässt er die dreckigen Fetzen verschwinden und schickt mich hoch auf unser Zimmer. Er lasse sofort neue Handtücher bringen, teilt er mir mit. Kaum bin ich in unserem Zimmer angekommen, klopft ein Zimmermädchen an und bringt sauberere(!) Handtücher. Nun ja.
Die restliche Nachmittagssonne genießen wir dennoch. Allerdings wird es sehr schnell dunkel (das wissen wir schon) und am Pool auch sehr schnell kühl. Ab halb sechs ungefähr ist das Sonnenbaden nicht mehr so schön.
Unser Abendessen nehmen wir im hoteleigenen Restaurant ein - schließlich haben wir Halbpension gebucht. Allerdings haben wir Schwierigkeiten, einen Platz zu bekommen. Ein Bediensteter versucht uns klar zu machen, dass man nur alle eineinhalb Stunden Platz nehmen und essen kann. Wir fassen's nicht. Doch dann bringt man uns doch zu einem frei gewordenen Tisch. Wir wählen unser Menü und bestellen eine Flasche Wein. Beim Servieren passiert dem Kellner ein Mißgeschick: Eine Rose fällt aus der Vase, die er umstellen will, direkt in mein Weinglas. Da wir uns ja nichts mehr gefallen lassen (habe ich das schon erwähnt?), verlange ich ein neues Glas. Der Kellner und ein herbeigerufener Kollege lachen nur darüber, aber ich bestehe darauf. Nach kurzer Diskussion wird mein Glas entfernt, und ich bekomme ein neues. Ich nippe nur kurz daran - man weiß ja nicht, was die mir da bebracht haben. Nach einem leichten Schaudern lasse ich das Glas stehen: Der Wein schmeckt wie abgestanden; bestimmt hat man nur irgendwelche Reste zusammengeschüttet!
Nach dem Essen wollen wir den Abend in der Bar des Hotels beschließen, die ganz nett aussieht. Wir nehmen einen Drink zu uns, flüchten allerdings sofort, als man uns schon wieder einen Bauchtanz darbieten will. Da begeben wir uns doch lieber zur Nachtruhe...

