Tag 7: Marrakesch, zweiter Versuch
Folklore am Abend
Es macht aber keinen großen Spaß. Wir werden hier regelrecht durchgeschleußt und können uns kaum mal einen Moment aufhalten und etwas umschauen. Birgit kauft an einem Stand ein hölzernes Solitärspiel. Allerdings müssen wir zusehen, dass wir den Kontakt zur Gruppe nicht verlieren und haben's plötzlich ganz eilig... Schließlich machen wir Stop in einer "Pharmacie", in der uns Gewürze und Kosmetika vorgeführt werden. Birgit gönnt sich ein Päckchen Kümmel zur Bekämpfung ihrer Magenverstimmung. Zu fast jeder Mahlzeit nimmt sie tapfer dieses trockene Zeug mit etwas Tee zu sich, aber richtig zu helfen scheint es auch nicht.
Zurück im Hotel erleben wir eine Überraschung. Birgit möchte einen Reisescheck eintauschen, doch der Rezeptionist nimmt ihn nicht entgegen! Angeblich seien die beiden Unterschriften zu 90 Prozent verschieden! Lächerlich. Auch nachdem wir Taouffique herangezogen haben, lässt er sich auf nichts ein. Uns bleibt nichts anderes übrig, als den Scheck direkt bei einer Bank einzulösen. Zunächst geht es jedoch zum Mittagessen ins Zeltrestaurant Chez Ali, von dem wir auch schon in den Reiseführern nur Interessantes gelesen haben. Dort sollen wir wieder ein marokkanisches Mahl zu uns nehmen und die Reiterspiele (eine sogenannte "Fantasia") bewundern, die man für die Touristen aufführt.
Als wir vor den hohen Mauern, die das Restaurant wie eine Burg erscheinen lassen, aus dem Bus steigen, stehen schon mehrere Reiter in Kostümen für uns Spalier. Irgendwie erwarte ich eine Geste, die "Willkommen!" bedeutet, doch man hört links und rechts nur "Foto! Foto!" von den Pferderücken herunterschallen. Auch hier also das übliche: Tourist, komm', fotografier' mich und gib mir einige Dirham dafür!
Das Essen ist so, wie wir es erwartet haben: fast genauso wie bei den vorhergehenden Marokkanischen Abenden. da hätten sich die Veranstalter ruhig absprechen können! Aber das bleibt wohl auch für nachfolgende Generationen von Rundreisetouristen ein frommer Wunsch. Mit Tanzvorführungen und (zumindest für meine Ohren schrecklichem) Gesang werden wir auch noch verwöhnt; sogar zum Mittanzen kriegt man mich 'ran. Seufz. Gute Miene zum bösen Spiel gemacht, und wieder hingesetzt. Anschließend können wir uns endlich die Reiterspiele anschauen. Das erste Getier, das wir in der Arena sehen, ist ein gelangweiltes Dromedar, das aus dem Schatten eines Turmes heraus die Touristen-Scharen beäugt (wir sind natürlich wieder nur eine von vielen Gruppen hier). Endlich geht es los. Ein paar Reiter galoppieren quer durch die Arena, bremsen rechtzeitig vorn den Tribünen und schießen mit ihren langen Gewehren in die Luft (es sind doch wohl hoffentlich nur Platzpatronen, oder?). Das geschieht zwei- oder dreimal, untermalt von - nein, nicht nordafrikanischer Musik, sondern von Vangelis-Klängen! Dann bevölkert ein (im wahrsten Sinne des Wortes) bunter Haufen von Fußvolk die Arena. Farbig geschmückt, Fahnen schwenkend und von zwei Kamelen begleitet schreiten sie über den sandigen Platz und verlassen ihn wieder unter dem Applaus der begeisterten Rundreisetouristen aus Europa, die allesamt total aus dem Häuschen sind ob der kulturellen Erbauung, die sie da gerade erlebt haben. Das ganze hat gerade mal eine Viertelstunde gedauert (wenn überhaupt). Ziemlich enttäuscht kehren wir zu unserem Bus zurück. Am interessantesten war hier noch die Anlage selbst, die einer Filmkulisse alle Ehre gemacht hätte.
Den Nachmittag haben wir zur freien Verfügung. Birgit und ich machen uns als erstes auf den Weg zur nächsten Bank, wo wir dann auch problemlos den Reisescheck einlösen können. Anschließend gönnen wir uns das erste wirkliche Sonnenbad im heißen Marokko, das wir in Ruhe genießen können. Zusammen mit Heinz und Sabine beleben wir den Pool des Hotels und planschen ein wenig herum, bis es wieder was zum Beißen gibt.
Dieses Abendessen ist ein wenig turbulenter als die vorherigen, denn eine Gruppe Italiener ist neu angekommen., Die benehmen sich ziemlich chaotisch, man kann sich nur über sie amüsieren! Selbst einer der Hotel-Bediensteten lässt sich zu einem Kommentar hinreißen: "Italian people are crazy!" Recht hat er. Mit einem guten Schluck marokkanischen Weines (der wirklich gar nicht schlecht ist - habe ich das schon erwähnt?) lassen wir im sanften Abendwind am Pool den Tag Revue passieren und schließlich ausklingen. Wir amüsieren uns im allgemeinen über unsere Mitreisenden und im besonderen über einige herausragende Gestalten, etwa unseren Otto Travolta, von Heinz auch "Kuhfladengesicht" genannt wegen seines breiten, matschigen Grinsens. Oder auch "Streichholz", einen untersetzten, allein reisenden Mann mit stets hochrotem Kopf, der uns sofort aufgefallen war und einmal zum besten gegeben hat: "Ich reise lieber allein, da fällt man nicht so auf!" Versteh' einer die Leute...



