Tag 6: Marrakesch - die Perle des Orients?

Abenteuer auf dem Platz der Gaukler

Nach dem üblichen Frühstücksbüffet geht es kurz nach neun weiter nach Marrakesh - von hier aus sind es noch 174 Kilometer. Birgit fühlt sich heute gar nicht gut: Sie hat's wohl erwischt - Magenschmerzen, Durchfall. Das mußte doch wohl nicht sein, oder? Zum Frühstück hat sie nur schwarzen Tee und Kümmel genossen - ein Vorschlag von Taouffique).

Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir die "über den Atlas geworfene Perle", wie es von Marrakesh heißt. Wir sind alle gespannt, ob sich unsere Erwartungen erfüllen werden und wir hier wirklich den Flair von 1001 Nacht erleben, der hier - insbesondere auf dem berühmten Platz Djemaa el Fna - erhalten geblieben sein soll. Nach dem Mittagessen - wir sind wieder in dem Hotel untergebracht, in dem wir unsere erste Nacht verbracht haben - beginnt um halb drei die Stadtrundfahrt. Birgit bleibt lieber im Hotel und legt sich hin, damit sie wenigstens für den Abend wieder fit ist. Der findet nämlich in einem Restaurant in der Altstadt statt; wieder als marokkanischer Abend mit Touristen-Belustigung!

Die Besichtigungstour führt uns vorbei an dem Minarett der Koutoubia-Moschee, das wir aus dem Bus heraus bewundern können. Wir steigen erst aus, als es zur Nekropole der Saadier geht, die wir zusammen mit anderen Touristen-Gruppen besuchen. In den Sarkophagen innerhalb der Gewölbe ist eine bedeutende Familie begraben; ihre Bediensteten haben im Garten ihre letzte Ruhe gefunden. Von hier aus geht es weiter zum Bahia-Palast, den einzigen Palast, den wir von innen bewundern dürfen. Allerdings wohnt hier auch niemand mehr; im Gegenteil: Der Palast war schon Schauplatz für Dreharbeiten zu "Lawrence von Arabien"!

Langsam wird es dunkel. Das liegt nicht nur daran, dass es Abend wird, sondern auch an den schwarzen Regenwolken, die sich über Marrakesh zusammenziehen. Ein paar Tropfen habe ich schon abbekommen. Unsere Gruppe marschiert weiter hinter Taouffique her. Es geht durch einige Gassen, in denen uns mehrere stinkende Mofas fast ersticken. Bestialisch! Die sollen lieber wieder ihre Esel nehmen. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir schließlich den mystischen Platz der Gaukler - den Djemaa el Fna. Hier soll es noch die alten Schlangenbeschwörer, Artisten und Wahrsager geben, die man aus den Erzählungen über den Orient kennt. Das erste, was wir sehen, ist allerdings ein total übervölkertes Café, von dessen Terrasse aus man den Platz überschauen kann - natürlich nicht umsonst: Ein Getränk muß man schon kaufen! Heinz, Sabine und ich heben uns das als Abschluss unseres Rundganges über den Platz auf. Taouffique klärt unsere Gruppe noch kurz auf, wie wir uns hier zu verhalten haben und was uns erwartet, dann lässt er uns eintauchen in die wundersame Welt der orientalischen Märchen... Tja, aber wo ist sie nur? Hier jedenfalls nicht. Wir sind total enttäuscht. Es gibt kaum was besonderes zu sehen, und wir trauen uns kaum, etwas zu fotografieren, weil man dann sofort zur Kasse gebeten wird. Ich merke es bei den Artisten, die ich von außerhalb der sie umgebenden Menschenmenge fotografiere. Kaum habe ich auf den Auslöser gedrückt, kommt jemand angerannt und hält mir einen Hut unter die Nase, in den ich einige Dirham werfe. Schlangenbeschwörer gibt es hier auch, allerdings nicht solche, wie wir erhofft haben. Ich mache auch hier ein Foto und lasse mir bereitwillig eines der Reptilien um den Hals legen. In recht gutem Deutsch (das sprechen hier eigentlich alle Marokkaner, die etwas von uns wollen!) faselt der junge Mann irgendwas von "guter Zauber, gut für die Potenz" (vornehm ausgedrückt!), und will mir glatt 100 Dirham abknüpfen. Ich rümpfe nur die Nase, drücke ihm fünf in die Hand und drehe mich weg. "Zwanzig!" sagt er und hält mich auf. Ich drücke ihm noch einen in die Hand und sage energisch: "Gleich gibt es gar nichts!" Da blickt er pikiert auf seinen Erlös und lässt von mir ab. 

Wir drei begeben uns anschließend in das Café und auf die Terrasse (nachdem wir eine Pepsi-Cola erstanden haben) und versuchen, wenigstens von hier oben einen Hauch des orientalischen Charmes zu erhaschen, den dieser Ort angeblich versprühen soll. Doch wir entdecken nichts. Hier herrscht leider nur noch Rummel für die Touristen - so erscheint es jedenfalls uns. Vielleicht ist es am späteren Abend anders; wir können diesem Platz leider nichts Märchenhaftes abgewinnen. Endlich fängt es auch richtig an zu regnen. Ein regelrechter Platz-Regen (welch Wortspiel!) geht auf den Djemaa el Fna hernieder und vertreibt alle Touristen von der Aussichtsterrasse. Mit Mühe und trotz der nur zehn Meter Entfernung zum Bus klitschnaß erreichen wir unser Gefährt. Eine unserer Mitreisenden sagt zu mir: "Ihre Freundin hat's jetzt besser!" Ich schaue sie nur unwillig an: Ob sie wohl lieber mit Magenverstimmung und Durchfall im Hotel liegen würde?

Zurück im Hotel können wir uns noch abendfein machen, dann geht es wieder los in die Stadt, um das marokkanische Essen zu genießen. Um halb acht erreichen wir das Restaurant in der Medina und stellen fest, dass wir nicht die einzige Reisegruppe sind, die hier verwöhnt werden soll (haben wir doch nicht ernsthaft geglaubt, oder?). Nach dem Essen ("typisch marokkanisch" mit Couscous und fetten Fleischstücken) beginnt eine Tanzdarbietung, die von denjenigen Bediensteten des Restaurants vorgetragen wird, die uns auch das Essen brachten. Wahre Multitalente. Die Männer machen die Musik, die Frauen tanzen dazu. Erst im Nachbarraum bei der ersten Reisegruppe, dann bei uns. Wir kommen uns wie abgefertigt vor. Wenigstens scheint der Anisschnaps Birgit gut zu tun, den wir mit Händen und Füßen bestellt haben.

Um viertel vor zehn ist der Spuk vorbei und wir kehren zurück in unser Hotel. Hier stellen wir fest, dass wir keinen Strom haben, außer für den Fernseher und den Stehlampen am Bett. Das ist schlecht - besonders im Badezimmer. Also wird eine Stehlampe mit hinein genommen. Plötzlich steh' ich im dunkeln da; der Stecker ist aus der Dose herausgefallen. Als ich ihn wieder reinstecke, erhalte ich einen mörderischen Stromschlag. Ich erschrecke mich fürchterlich und stoße einen Schrei aus, der in meinen Ohren regelrecht unmenschlich klingt. Aber es ist nicht passiert. Durchatmen. Scheiß Technik! Aber wenigstens können wir gut schlafen - oder jedenfalls ich. Birgit hat's echt nicht leicht.

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