Tag 4: Fes
"Balek, balek!" - Buntes Treiben in der Medina
Auf unserer heutigen Stadtrundfahrt durch Fes - zwanzig nach acht geht's los - begleitet uns wieder ein ortskundiger Führer - Idriss (III.!): Sein Deutsch ist nicht ganz so gut wie das von Taouffique oder von Hassan aus Rabat, ebenso sein Gebiss. Als erstes legen wir einen Panoramastop oberhalb der von Hügeln umschlossenen Stadt ein. "Bitte machen Sie hier Ihr Foto!" bekommen wir von Idriss zu hören. Spätestens jetzt fühlen wir uns wie die typischen Rundreisetouristen aus den Klischees: Raus aus'm Bus, "Oh, ah" rufen, Foto machen, rein in'n Bus. Ganz so schlimm ist es zwar nicht, und wir können uns noch darüber amüsieren. Aber andererseits muß man auch sagen, dass man auf diese Weise am meisten zu sehen bekommt.
Nachdem wir den wirklich tollen Blick auf die orientalische Stadt genossen haben, geht es hinein in den Trubel der Medina von Fes. Ein wahres Chaos; die Altstadt von Rabat ist ein echtes Waisenkind dagegen. Hier herrscht ein totales Durcheinander; die Gassen sind eng, oft matschig und voller Menschen. Überall befinden sich kleine Läden, in denen Obst, Gemüse, Fleisch und andere Gebrauchsmittel angeboten werden. Türen gibt es nicht; die Händler gelangen nur über die Theke in ihr kleines Geschäft.
Wir haben Mühe zusammenzubleiben, aber Taouffique achtet gut auf uns. Auf sich allein gestellt ist man in diesem Labyrinth hoffnungslos verloren. Des öfteren dringt die Warnung "Balek, balek!" an unser Ohr - "Achtung, Esel kommt!" Dann springen wir schnell an die Seite, drängen uns in kleine Nischen und lassen schwer bepackte Esel vorbei; zum Teil transportieren sie Obst und Gemüse, aber auch alte Männer und sogar Müll.
Wir bekommen viel zu sehen, u.a. eine Bäckerei. Hier wird kein Brot verkauft wie bei uns: Die Leute lassen hier ihren eigenen Brotteig für ein paar Dirham ausbacken. Nach der Besichtigung einer Teppich-Weberei und der Weber bei der Arbeit gelangen wir in das Viertel der Gerber. Hier erklimmen wir in einem Haus eine enge Treppe mit schiefen Stufen und betreten ein Ledergeschäft. Schöne Rucksäcke, Taschen, Gürtel und dergleichen werden hier angeboten, und beinahe kaufe ich eine reich verzierte Reisetasche. Von der Terrasse hat man einen guten Blick auf das Viertel. Taouffique verzichtet darauf, uns dem Dreck und Gestank dieser Gassen auszuliefern; stattdessen können wir von hier oben alles erblicken, was dort unten geschieht: Wir sehen die großen Schüsseln, in denen die Tierhaut gewaschen und gegerbt wird, und die Plätze, an denen das Leder zum Trocknen ausgelegt wird.
Wir verlassen unsere Aussichtsplattform, und weiter geht es unter niedrigen Durchgängen hindurch, an bettelnden Alten und Kindern vorbei zu einem Teppichhändler. Hier bekommen wir wunderschöne Teppiche zu sehen, handgeknüpft und von hervorragender Qualität. Auch ich schaue mich um und entdecke einen Berberteppich mit modernem Design, der mir gefällt. Ohne eigentliche Absicht , ihn zu kaufen, lasse ich mich darauf ein, mit einem der Verkäufer zu handeln. Bei 1600 DM werde ich schwach und nehme ihn. Zugegeben, ich habe mich etwas überrumpeln lassen, aber ich glaube, dass ich es nicht bereuen werde. Solch ein Souvenir nimmt man nicht aus jedem Urlaub mit. Ich mache eine Anzahlung per Kreditkarte und Reiseschecks, den Rest muß ich bezahlen, wenn ich den Teppich in Düsseldorf am Flughafen abhole. Er wird per Luftfracht nach Deutschland geschickt und soll in wenigen Wochen ankommen. Ich verlaß' mich darauf...
Bei unserem Gewaltmarsch durch die Medina kann man sich so richtig schön über unsere Mitreisenden aufregen. Aus dem Benehmen solcher Menschen müssen die Klischees über die Touristen entstanden sein. Selbstgefällig, scheinbar großzügig, dabei aber eher arrogant, sorgen sie dafür, dass man eigentlich gar nicht willkommen sein kann bei den Einheimischen. Mir als Marokkaner würden solche Leute jedenfalls unheimlich auf den Geist gehen. Sprüche über das "Gute aus Deutschland", die gnadenlose Neugier beim Fotografieren und das beinahe kindliche Staunen - furchtbar. Unsereiner fühlt sich teilweise fast wie ein Voyeur, aber denen scheint es gar nichts auszumachen, den Einheimischen mit Blicken und Fotoapparat auf den Pelz zu rücken. Kein Wunder, dass einige auch ablehnend reagieren, wenn man sie auf Zelluloid bannen will.
Der Vormittag ist wirklich anstrengend, und so langsam haben wir auch keine Lust mehr. Endlich geht es zurück zum Mittagessen! Um halb drei geht es schon wieder weiter. Wir sehen den Königspalast von Fes und die Mellah, das Judenviertel, das hier beginnt. Auch hier werden wir vor den kleinen Kindern gewarnt, die sich als Taschendiebe ihr Brot verdienen. Wir sehen, wie ein kleiner Junge - vielleicht fünf oder sechs Jahre alt - auf die Tasche einer Mitreisenden zeigt und ein kleines Mädchen in gleichem Alter darauf aufmerksam macht. Weiter passiert allerdings nichts. Aber Idriss geht uns auch so langsam auf den Keks mit seinem ständigen "Schauen Sie da vorne!". Es ist ja wohl gut gemeint, aber er könnte sich ja mal einen anderen Spruch ausdenken.
Wir kehren ein bei einem Kupferschmied. Hier ist ein echter Meister am Werk, und wir erblicken wahre Kunststücke: Teller, Figuren, Karaffen und Becher, alles kunstvoll verziert. Birgit steht vor einem wunderschönen Berber-Teeservice, bestehend aus einem Tablett, Teekanne und mehreren Bechern. Es gefällt sogar mir. Leider kostet es selbst nach Herunterhandeln noch um die 400 DM. Mit einem Seufzen läßt Birgit es also hier.
Kurz nach halb fünf sind wir wieder in unserem Hotel und haben den Abend für uns. Birgit und ich nehmen Platz vor einem Café in der Nähe des Hotels, um in Ruhe unsere Postkarten zu schreiben und das Nationalgetränk Thé à la menthe - Pfefferminztee - zu genießen. Für 2 Café au lait und 2 Tee bezahlen wir 25 Dirham - das ist fast geschenkt! Um halb acht gibt es dann wieder kontinentales Abendessen, und damit schließen wir den Tag.




