Tag 2: Casablanca und Fahrt nach Rabat

Riesenmoschee und Wasserverkäufer

Nach einer kurzen Nacht und einem angenehmen Frühstücksbüffet - es gab diverse Brötchen und Croissants, Marmelade, Wurst (die allerdings sehr künstlich aussah und eine schrecklich rote Farbe hatte), Käse, gut gewässerte Butter, Kaffee und Tee - geht's um 7 Uhr 05 los Richtung Atlantikküste, nach Safi - einem Ort, der noch von den Portugiesen geprägt wurde.

Wir durchqueren die Haous-Ebene, in der Marrakesh liegt, und freuen uns, dass wir nicht ständig in dieser trostlosen Gegend leben müssen. Wir kommen an verstreut und einsam gelegenen weißen Häusern vorbei, die nur von staubigem, trockenem Boden umgeben sind. Wir wundern uns, dass sie als einzige Öffnung nur eine Tür und keine Fenster aufweisen. Aber Taouffique klärt uns auf: Das Haus umschließt einen Innenhof, und alle Fensteröffnungen weisen dorthin! Weiterhin erzählt er uns, dass seine Landsleute hier oft stundenlang unterwegs sein müssen, um Holz oder Reisig für Feuer zu finden oder um Wasser zu holen. Nein, das Leben hier draußen ist bestimmt nicht leicht, und die Menschen hier sind wirklich nicht zu beneiden...

Bald erreichen wir ein kleines Bauerndorf. Hier ist gerade Markt. Wir machen Pause und unsere ersten Fotos von den Marokkanern, wie sie leiben und leben - zumindest die hier, weit entfernt von der nächsten Großstadt. Wir bewundern die Waren, die angeboten werden. Insbesondere das tote Fleisch, das an Haken hängend von reichlich Insekten umschwirrt wird, hat es uns angetan. Ebenso die auf einer Decke ausgebreiteten Zähne, mit denen ein "Dentist" für seine Künste wirbt. Als ein Eselsgefährt Birgit fast umstößt, kehren wir zum Bus zurück. Auf dem Weg machen wir Bekanntschaft mit Sabine und Heinz, dem anderen jungen Pärchen unserer illustren Reisegesellschaft. Wir kommen ins Gespräch und machen uns gegenseitig Luft über das späte Abendessen und die kurze Nacht. Heinz hat nicht viel gegessen, sagt er, bei den Kakerlaken, die da unten rumliefen. Ein richtiges "Kakerlaken-Palais" sei unser Hotel gewesen... Nun, das wäre nicht das erste mal gewesen, dass ich etwas nicht mitbekommen habe.

In Safi angelangt, machen wir unseren ersten Stadtbummel. Dabei durchqueren wir aber lediglich einige Gassen mit Lädchen und Ständen - besonders auffällig sind die Sonnenschirme mit Coca-Cola-Aufschrift in arabischer Sprache. Unser Weg endet an einem Café, wo erst einmal Pinkelpause angesagt ist. Auch ich habe hier eine Begegnung der dritten Art; die Toilette scheint wirklich nicht von dieser Welt zu sein: Sie besteht nur aus einem Loch im Boden. Hier macht sich die männliche Anatomie wieder einmal als Vorteil bezahlt...

Direkt an die Küste kommen wir nicht; davor liegt der Phosphat-Hafen von Safi. Wir erfahren, dass Marokko nach den USA der Welt zweitgrößter Phosphat-Exporteur ist und hier in Safi die modernste Raffinerie der Welt stehen soll.

Von Safi aus sind es 126 Kilometer bis nach El-Jadida, unserer nächsten Station - einer weiteren Küstenstadt am Atlantik, Ferienort für viele Marokkaner. Die zwei bis drei Stunden Fahrt die Küstenstraße entlang gestalten sich teilweise wie eine Achterbahnfahrt - so sehr geht es hier auf und ab. Ein kurzer Zwischenstop mitten auf der Strecke kommt uns sehr gelegen.

Die Einfahrt in die Stadt liefert konträre Aussichten: links Häuser im alten einfachen Baustil - viereckig, flach, zweigeschossig; rechts moderne Wohnblocks. Manchmal sieht es so aus, als ob die Häuser auf einer Schutthalde gebaut sind. Wir machen Halt an der Strandpromenade "La Corniche" und genießen den Ausblick auf den Atlantik, aber nicht den auf den verdreckten Strand.

Anschließend machen wir uns auf die letzten hundert Kilometer bis nach Casablanca, wo es dann Mittagessen geben soll. Um 14 Uhr erreichen wir das "Weiße Haus" und halten auch hier an der Strandpromenade. Mit dem Mittagessen gibt's zunächst Probleme: Zuerst gehen wir zum falschen Restaurant, dann sitzen wir auf den falschen Plätzen. Zum ersten Mal sehen wir, wie viele andere Reisegruppen außer uns noch unterwegs sind; das Restaurant ist voll mit ihnen. Endlich können wir dann auch hier zulangen: Es gibt Fisch, Reis und Salat. Beim Salat sind wir noch etwas vorsichtig und folgen damit dem Rat des Reiseführers (in Buch-Form), uns damit etwas zurückzuhalten.

Mit 5 Millionen Einwohnern ist Casablanca die größte und westlichste Stadt Marokkos. Hier zieht's die meisten Marokkaner hin, wenn sie ihr Glück versuchen wollen. So entstehen natürlich auch Slums. Die sehen wir bei der Stadtrundfahrt nach dem Mittagessen: Ein wahrer Wäschewald, und mittendrin Stein-, Geröll- und Müllhalden.

In Casablanca entdecken wir auch zum ersten Mal Häuser, die höher als 3 bis 4 Stockwerke sind. Und wir finden das erste Anzeichen wirklicher Zivilisation: McDonalds ist auch hier vertreten! Viele Bankgebäude verstärken den Eindruck einer westlich orientierten Stadt.

Den ersten Halt legen wir ein bei der großen Moschee Hassan II, direkt am Atlantik. Das Hauptgebäude dieses Prachtexemplars soll 25000 Gläubigen Platz bieten, 75000 weitere soll der große Vorplatz aufnehmen können. Taouffique teilt uns mit, warum einige Moslems eine Moschee bauen: "Wer im Leben eine Moschee baut, dem baut Allah im Paradies ein Haus." Erst am 20. August 1993 wurde die Moschee eröffnet. Leider dürfen wir als Ungläubige dieses mächtige Bauwerk nicht betreten. Wir erhaschen nur einen kurzen Blick ins halbdunkle Innere; der Eingang ist belagert von fotografierwütigen Touristen, in deren Reihen wir uns nicht lange wohlfühlen.

Am Platz Mohammed V legen wir den nächsten Stop ein. Die eigentliche Attraktion sind hier nicht die umliegenden Regierungsgebäude oder der prächtige Brunnen auf der anderen Straßenseite, sondern die bunten Wasserverkäufer, die sich für ein Trinkgeld fotografieren lassen. Das ist hier übrigens so Sitte: Ein Marokkaner, der sich fotografieren läßt, verlangt einige Dirham dafür (machen auch einige mehr). Viele verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt - so wie diese Wasserverkäufer in ihren farbenfrohen Kostümen. Vielleicht haben wir gerade aus Protest kein Foto von ihnen gemacht. Aber sie zeigen auch Herz, diese Relikte aus Marokkos vergangenen Tagen: Eine alte Frau, die sich erschöpft auf eine niedrige Mauer niedergelassen hat, bekommt unaufgefordert ein Schälchen Wasser kostenlos gereicht.

Um17 Uhr 05 verlassen wir Casablanca Richtung Rabat, unserem nächsten Rundreise-Ziel. Wir durchqueren dabei einen neueren Stadtteil der Küsten-Metropole, in dem eine Baugenossenschaft mit einem Projekt versucht hat, das Entstehen einer neuen Barackensiedlung zu vermeiden. Hier findet man moderne Mehrfamilienhäuser im orientalischen Stil, die aber auch fast alle gleich gebaut sind. Trabantenstadt à la Marokko...

Über eine der beiden Autobahnen Marokkos (die dritte wird gerade gebaut und soll Rabat mit Tanger verbinden) geht's weiter die Atlantikküste entlang. Es wird schnell dunkel, und um 19 Uhr erreichen wir die aktuelle Königsstadt. Bei der Einfahrt in den modernen Teil des abendlich beleuchteten Rabat gewinnt man einen kleinen Eindruck von majestätischer Ausstrahlung, hervorgerufen von den hell erleuchteten Alleen und angestrahlten Gebäuden, an denen wir vorbeifahren. Nach kurzer Zeit erreichen wir unser Hotel, und erneut müssen wir die schon bekannte Anmelde-Zeremonie über uns ergehen lassen. Anschließend melden wir uns in Deutschland zurück, die Kosten für das Telefongespräch erschlagen uns jedoch fast: Für ein bis zwei Minuten bezahlen wir 108 Dirham, etwa 20 DM!

Abendessen wird in einem kleinen, aber sehr interessanten Saal serviert. Wir kommen uns dabei gar nicht wie in Afrika vor; es erinnert eigentlich alles mehr an Australien! Känguruhs und Koalas beobachten uns von den Wänden beim Verzehr von lauwarmem Fleisch (das ist wohl so üblich bei dem Klima hier) mit Reis und Gemüse - wieder was Westliches. Dazu genehmigen wir uns einen wohlschmeckenden marokkanischen Rosé, den man wirklich gut trinken kann! Anschließend können wir auch gut schlafen.

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