Tag 1: Ankunft in Marokko und Fahrt nach Marrakesh
Der erste Flug
Leider bekomme ich von der Gegend unter uns nicht sehr viel zu sehen: die Pyrenäen zwar schon, aber leider nicht Gibraltar. Der erste Blick auf die marokkanische Landschaft läßt bereits die Hitze erahnen, die uns erwartet, und gewährt einen ersten Eindruck von der Kargheit des Landes.
Die zweite Überraschung ereilt uns nach unserer Ankunft auf dem Flughafen von Agadir. Wir landen um 17 Uhr 49 MEZ und finden einen Airport vor, dem man getrost das Etikett "klein, aber fein" verleihen kann. Wir sehen ein modernes Gebäude mit einem Hauch orientalischer Architektur - der erste Hinweis darauf, dass wir auf eine fremde Kultur treffen.
Ein paar Minuten nach der Landung stehen wir auf dem Rollfeld des Flughafens - die marokkanische Nachmittagssonne ist milde gestimmt; ich behalte sogar meine Jacke an! Birgit bekommt ganz große Augen.
Eine Gangway gibt's hier nicht. Statt dessen werden wir mit Niedrigflurbussen die paar Meter (etwa 150) zum Flughafengebäude gekarrt. Die Abfertigungshalle glänzt vor unübertroffener Sauberkeit. Wir stellen uns hinten an die 50 Meter lange Schlangen vor der Paßkontrolle an - es sind sogar noch Passagiere da, die mit Condor eine Stunde vor uns geflogen sind! Geduld ist gefragt. Nur langsam geht es weiter. Ein gebräunter Marokkaner mittleren Alters, der - in einen weißen, überhaupt nicht orientalischen Overall gehüllt - einen breiten Besen durch die Halle schiebt, scheint allgegenwärtig. Kein Wunder, dass der Boden wie poliert wirkt und nicht ein Stückchen Papiertaschentuch herumliegt.
Die Beamten an der Paßkontrolle schienen ihrer Arbeit genauso behäbig nachzugehen wie unser Saubermann. "Ist dir gar nicht warm?" fragt Birgit wieder. "Nein", erwidere ich, und im selben Augenblick fange ich an zu schwitzen. Eine Frau kokettiert mit einem hin- und her rennenden Beamten und möchte, dass es schneller geht. "Gib mir einen Passport", entgegnet er, woraufhin sie ihm zwei in die Hand drückt. Der Beamte verschwindet in seinem Verschlag, macht zwei Stempel und winkt Frau und Mann durch. So geht's also auch.
Endlich, nach eineinhalb (!) Stunden, sind wir dran. Der Beamte schaut auf meinen Ausweis, dann auf den Einreiseschein, den wir im Flugzeug auszufüllen hatten, dann wieder auf den Ausweis. Er tippt etwas in den Computer ein. Für mich gibt's dann noch einen Melde-Zettel mit seinem Kürzel oben links. Bei Birgit genau das gleiche.
Wir holen unsere Koffer. Birgit ist sauer: Das Zugbändchen an ihrem Koffer ist abgerissen; das erste Ärgernis im Urlaub. Durch den Zoll kommen wir so. "Haben Sie etwas zu verzollen?" ist wohl auch hier der Standardspruch - zumindest bei deutschen Touristen. Wir verneinen und können so weitergehen. Diverse, teilweise exotisch gekleidete Herren (so erwartet man das ja eigentlich auch) schwenken ihre Schilder. Wir suchen den für uns Zuständigen. Birgit findet ihn, und er schickt uns zu Bus 57. Wir tapsen los.
Mein Blick fällt auf eine Leuchtreklame: "Banque". "Laß' uns erst noch Geld wechseln", schlage ich vor. Einen Scheck werden wir aber nicht los; man will nur Bares. Für 100 DM bekomme ich 563 Dirham. Jetzt aber ab zum Bus, bevor man uns vergißt. Wo ist Bus 57?
Ein Dunkelhäutiger in Flughafenuniform kommt uns entgegen, starrt mich an und will meinen Koffer nehmen. Ich blicke ihn nur verständnislos an, während er irgendwelches Kauderwelsch von sich gibt. Erst als Birgit hinter mir "Nein" ruft, kapiere ich, was er will. "No, thank you", entgegne ich endlich in perfektem Marokkanisch und packe meinen Koffer fester.
Da ist unser Bus! Inmitten von Dutzenden Fahrzeugen haben wir ihn doch noch gefunden. Der Mann mit den Listen in der Hand - wahrscheinlich ist er unser Führer für die nächste Woche - hakt unsere Namen ab und kassiert den Rundreise-Gutschein. Ein Fingerzeig, und unsere Koffer werden hinten im Bus verstaut. Wir steigen ein. Schluck - sechs Leute sitzen bereits drin, sämtlich mindestens mittleren Alters. Auch hier im Urlaub senken wir also den Altersdurchschnitt erheblich! Es steigen aber noch Leute zu, darunter auch ein Pärchen unseres Jahrgangs. Aufatmen unsererseits.
Endlich wird der Motor angeworfen. Er hört sich an wie ein alter Fischkutter. Unser Bus gehört ja auch nicht zu den Schönsten: ein Volvo älterer Baureihe mit engen Sitzreihen, dafür aber ohne Toilette. Hoffentlich geht das gut! Inzwischen ist es 18 Uhr 45 Ortszeit und stockfinster. Wir stellen unsere Uhren nach einem Blick auf die Bus-Uhr um eine Stunde zurück. Das Gefährt wackelt los, und das Abenteuer beginnt...
Die einfache Klimaanlage im Bus zeigt Wirkung: die stickige und schwüle Luft verliert nach kurzer Zeit ihren Schrecken. Die Straße, auf der wir uns durch die Nacht bewegen, ist überraschend belebt. Viele LKW (noch älter als unser Bus - man erinnere sich an Filme aus den vierziger Jahren) ziehen an uns vorbei (!) - für unseren Bus ist wohl auch schon Abendruhe angesagt. Kurz nachdem wir den Flughafen verlassen haben, sehen wir hin und wieder noch links und rechts einige einfache, baufällige Häuser. Bald geht es aber hinaus in Richtung Hoher Atlas, nach Marrakesh, unserer ersten Station. Nach einigen Kilometern Fahrt stellt unser Reiseführer endlich sich und seine Mannschaft vor. Da sind: der Fahrer, Mohammed. Bereits als wir einstiegen, hat er uns mit einem freundlichen Lächeln begrüßt. In seinem wettergegerbtem Gesicht erscheint es wie eine seiner vielen Falten. Der Beifahrer, Ibrahim, ist für die Fahrtüchtigkeit des Busses, seine Sauberkeit (natürlich nur von innen) und die Koffer verantwortlich. Und schließlich unser Reiseleiter Taouffique, ein studierter Marokkaner aus höherem Hause, der sehr gut deutsch spricht. Er erklärt uns, wie es weitergeht. Wir fahren noch heute abend zu unserem ersten Hotel im Marrakesh, das auf der anderen Seite des Atlas, etwa 250 bis 300 km von Agadir entfernt liegt. Das bedeutet: Es wird eine lange Busfahrt und vermutlich sehr spät werden, bevor wir zum ersten Mal in marokkanische Kissen fallen dürfen.
Die Fahrt verläuft schleppend und sehr langsam. Der Bus quält sich die Berge hoch. Um etwas erkennen zu können, folgen wir mit unseren Blicken seinen Scheinwerfern. Wir kommen an eine Baustelle. Fackeln beleuchten die Straße und weisen den Weg auf das Geröll neben der eigentlichen Strecke. Im Schrittempo schaukelt der Bus über Stock und Stein. Endlich geht es wieder auf die normale Straße, die erstaunlich gut befahrbar zu sein scheint. Nach ein paar Stunden die erste Pause; Halt an einer Raststätte mitten in den Bergen. Mehr als ein paar Häuser stehen hier nicht rum. Wir kaufen Cola und etwas Gebäck zum Essen - wir haben seit dem Tupper-Mahl im Flugzeug nichts Vernünftiges mehr zu uns genommen, und wir rechnen nicht damit, im Hotel noch etwas zu bekommen...
Um Mitternacht erreichen wir endlich Marrakesh. Am Ortseingang erleben wir dasselbe Spielchen wie schon zwei- oder dreimal während der Fahrt: Eine Polizeisperre hält uns auf. Die Straße ist so abgesperrt, dass die Fahrzeuge nur in Schlangenlinien und gaaaanz langsam weiterfahren können. Einer der Beamten unterhält sich kurz mit unserem Fahrer, dann können wir unsere Fahrt fortsetzen.
Im Scheinwerferlicht sehen wir noch nichts in der Stadt, was uns an 1001 Nacht erinnert. Wir sind schon froh, wenn wir diese erste hinter uns gebracht haben. Im Hotel müssen wir zunächst Anmeldeformulare ausfüllen und bekommen dann unseren Zimmerschlüssel. Wir hören, dass es gleich Abendessen gibt, und blicken uns erstaunt an: Wer ißt denn jetzt noch großartig was?
Das Hotel sieht ganz akzeptabel aus. Von unserem Zimmer aus können wir den Pool sehen, von dem wir jetzt leider nichts haben. Wir gehen runter zum Essen; die Tische im Speisesaal sind extra für uns gedeckt. Es gibt drei Gänge mit kontinentalem Essen - Suppe, Gemüse, Fleisch - halt wie man's so kennt. Als Nachtisch einen mehr oder weniger gelungenen Kuchen. Mit Erschrecken hören wir von Taouffique, wann es morgen früh wieder los gehen soll: Um sage und schreibe 7 Uhr! Wann sollen wir eigentlich schlafen!? Allerdings schlägt er uns eine Alternative vor: Wenn wir von Marrakesh aus den direkten Weg nach Casablanca nehmen anstatt des Umweges über die Küste, bräuchten wir erst um 9 Uhr losfahren! Wir frohlocken schon, doch die verkrustete alte Gesellschaft will, dass wir den geplanten Weg nehmen. Seufz. Also dann: Gute Nacht (oder was davon übrig bleibt)!