Tag 24: Ein Tag auf Granville Island

Künstlerkolonie in der Großstadt

Endlich bekomme ich meine Pancakes zum Frühstück. Ich bestelle mir im Hotel-Restaurant das Pancake Sandwich, eine interessante Kombination aus Scrambled Eggs, Toast und Buttermilch-Pfannkuchen mit Ahornsirup und einigen wenigen gewürfelten Bratkartoffeln (die hash browns - der Name scheint daher zu kommen, dass man mit dem Blick einige braune Stückchen erhascht). Aber das ganze ist fast ein Gedicht.

Draußen sieht es kälter aus als gestern, und ich werfe mir einen Pullover über, als wir uns Richtung Chinatown auf den Weg machen. An der neuen Bibliothek vorbei erreichen wir die East Penderstreet, und der erste Eindruck besteht aus bunten Reklameschildern, die überall an den Häusern hängen, und zum Teil fast baufälligen Häusern.

Das Viertel bietet einen fremdartigen Anblick; es gibt Läden mit lauter Kitsch (für unseren Geschmack zumindest), viele Gemüse- und Fischläden mit allerlei Getier, Schaufenster, in denen sich glasierte Hühner in Drehgrills heiße Füße holen, Apotheken, angefüllt mit diversen großen Gläsern, in denen sich allerlei Undefinierbares tummelt, aber auch Bäckereien mit sehr günstigen Backwaren (2 Stück für 88 Cents; die Cola dazu ist doppelt so teuer!). Im ganzen wirkt dieser Stadtteil tatsächlich fast wie eine fremde Welt. Dr. Sun Yat Sen's Garden sollte nun die Krönung dieser fernöstlichen Eindrücke sein, aber er bietet sich uns als Baustelle dar, und inmitten des brackigen Sees, der das Herz des Gartens sein soll, tratschen die chinesischen Arbeiter während ihrer Mittagspause wie alte Waschweiber. Und dann fängt es wieder mal an zu regnen. Unter dem Vordach eines benachbarten Hauses beißen wir herzhaft in das Gebäck. Lecker!

Gemütlich spazieren wir den Pacific Boulevard entlang bis zur Granville Bridge und kommen dabei an dem BC Place Stadium vorbei. Hier finden wir das Denkmal eines Rollstuhlfahrers aus Vancouver, der in den Achtziger Jahren in seinem Rollstuhl die Welt umrundet hat.

Zum Teil ist der Pacific Boulevard Neubaugebiet; hier entstehen architektonisch höchst interessante Wohnanlagen und -türme, die aufgrund ihrer zentralen Lage nicht ganz billig sein dürften. Aber wir wollen hier ja auch nicht einziehen. Ehrlich gesagt sind wir bisher ein wenig enttäuscht von Vancouver. Aufgrund der vielen Hinweise, in denen die Stadt als eine der schönsten Metropolen der Welt beschrieben wird, haben wir - zumindest von der Downtown - mehr erwartet. Aber vielleicht haben wir ja auch einfach noch zu wenig gesehen.

Unterhalb der Granville Bridge finden wir einen Bootsanleger, und eine der Minifähren, die wir von Victoria her noch kennen, nimmt uns mit hinüber nach Granville Island. Es sind nur ein paar Dutzend Meter, die hier über den False Creek zu überwinden sind, aber wenn man über die Brücke gehen wollte, wird bestimmt ein Kilometer daraus. Der Fahrer ist noch nicht besonders geübt und hat Schwierigkeiten, das Bötchen anzulegen. Aber dann betreten wir die Halbinsel, die sich als Künstler- und Inn-Viertel von Vancouver entwickelt hat. Hier gibt es Pubs, eine Markthalle sowie Souvenir- und Künstlerläden, die entdeckt werden wollen.

Zunächst aber genehmigen wir uns in dem Pub direkt an der Anlegestelle einen Drink und warten darauf, dass der Regen aufhört - schließlich sind wir heute ohne Schirm und Jacke unterwegs! Aber den Gefallen tut er uns nicht, und so legen wir einen kurzen Spurt ein und huschen in die benachbarte Markthalle, den Granville Island Public Market, in dem reges Treiben herrscht. Obst- und Gemüsestände und kleine Lädchen sowie Kunstschmiede und Maler bieten ihre Waren bzw. Schmuck und Bilder an. Birgit sucht sich sogleich ein hübsches Paar Ohrringe aus, die sie tatsächlich mit der Kreditkarte bezahlen kann! Jetzt bin ich fest davon überzeugt, dass jeder Flohmarkthändler die Kreditkarte akzeptiert.

Hier in der ehemaligen Lagerhalle gibt es alles zu kaufen, was man an Lebensmitteln braucht, auch Fleisch und Käse. Einige Imbisse laden zu einem schnellen Snack ein; wir aber kosten lieber noch etwas leckeren Kuchen und gönnen uns einen Frozen Yoghurt, der sich dann als Softeis herausstellt.

Es regnet immer noch ununterbrochen, während wir von Häuschen zu Häuschen und von Lädchen zu Lädchen huschen und versuchen, möglichst trocken zu bleiben. Es ist zwar nicht kalt, aber trotzdem nicht besonders angenehm.

Granville Island bietet wirklich eine Menge, aber richtig schöne Souvenirs für uns selber finden wir auch hier nicht. Lediglich ein geschnitzter Flaschenkorken in Form eines Säuferkopfes, der in einer Brauerei zum Kauf angeboten wird, gefällt uns so sehr, dass wir ihn mitnehmen. Es gibt hier auch eine Kunstakademie; z.Zt. ist hier eine Ausstellung über das Buchdesign in der Schweiz zu bewundern. Es gibt schon seltsame Thematiken...

Endlich, wir wollen so langsam zurück zum Hotel, läßt der Regen nach, und wir traben los. Die Fähre nimmt uns gegen ein geringes Entgeld von einem Dollar sechzig wieder mit auf die andere Seite des False Creek. Wir werfen noch einen Blick auf den English Bay Beach und marschieren dann unterhalb der Burrard Bridge am Aquatic Centre vorbei die Burrardstreet hoch, an der auch unser Hotel liegt. Um 18 Uhr treffen wir dort ein und gönnen uns ein Päuschen.

Für den Abend haben wir uns überlegt, im Planet Hollywood Essen zu gehen. Das Restaurant befindet sich nicht weit entfernt an der Robsonstreet. Dort angelangt, müssen wir erst einmal eine halbe Stunde warten. Das nette Mädchen am Eingang notiert unsere Namen, und wir schlürfen einen Drink an der Bar, während wir das Interieur unter die Lupe nehmen. Diverse echte Filmutensilien hängen hier an den Wänden. So z.B. das Skateboard von Michael J. Fox aus "Zurück in die Zukunft" oder der falsche Führerschein von Whoopi Goldberg in "Ghost". Auch ein Teil eines Terminatorkostüms läßt sich in einer Glasvitrine bewundern.

Irgendwann werden wir aufgerufen und zu einem frei gewordenen Platz geleitet. Die Wände des halbrunden Speisesaals sind irre bunt und verspielt angemalt; Szenen und Schauspieler aus diversen Filmen sind dort verewigt. Ein Flugzeugmodell hängt unter der hohen Decke, und mehrere Fernseher stellen die Stars Hollywoods und ihre Filme vor. Man sieht sofort, auf welches Publikum diese Kette abzielt. Genau das richtige für uns. Nicht so spießig, sondern locker, frech und schrill.

Wir bestellen uns zwei Cocktails (ich einen "Terminator" - na klar) und Sandwiches à la Planet Hollywood mit Pommes. Ein nettes Mädchen namens Carly bedient uns, fragt interessiert nach unserer Herkunft. Es stellt sich heraus, dass sie schon einmal ganz kurz in Frankfurt gewesen ist. Ob wir denn schon eine Whale Watching Tour gemacht haben? Ja, sogar zwei. Und ob wir denn auch Wale gesehen hätten? Ja, eine Menge. Da wird sie ganz traurig und erzählt, dass sie gestern los gewesen sei - ohne Erfolg. Die Welt ist ja so ungerecht...

Während des Essens muß ich einem menschlichen Bedürfnis nachgeben und verschwinde auf die Herrentoilette. Was ich hier vorfinde, begeistert mich in höchstem Maße. Über den Waschbecken hängen Spiegel in Form einer gelbumrahmten Brille. Echt schrill, aber eine tolle Idee!

Carly bietet Birgit und mir an, ein Erinnerungsfoto von uns zu machen, was wir dankend annehmen. Als sie uns die mit einem handschriftlichen "Have a great day, Carly" versehene Rechnung reicht, bedanken wir uns mit einem kleinem Trinkgeld für den lieben Gruß und verabschieden uns. Wir gehen noch ein wenig die Straße entlang spazieren und werden Zeuge eines Gala Events bei Virgin, direkt um die Ecke. Dutzende Männer in Smoking und Frauen in dunklen Abendkleidern und Kostümen stehen hier vor dem Eingang bzw. in der Halle. Foto- und Fernsehreporter befinden sich auch darunter. Was hier aber genau vor sich geht, finden wir nicht heraus. Langsam kehren wir in's Hotel zurück, wo wir unsere letzte Nacht in Kanada verbringen.

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