Die "Lacs de Bastans" in den Französischen Pyrenäen

2 Tage auf dem Fernwanderweg GR10

Wärend eines Abstechers in die Französischen Pyrenäen im Juni 1999 unternahm ich u.a. eine schöne Wanderung auf einem Abschnitt des Fernwanderweges GR10. Ich berichte hier von der Tour zu den Lacs de Bastans, die ich im Néouvielle-Massiv unternommen habe. Im Info-Teil finden Sie weitere nützliche Informationen zu diesem Abschnitt des Fernwanderweges GR10.
Weiterhin finden Sie eine zweite Reportage von mir über die weiteren Attraktionen in den Französischen Pyrenäen, wie z.B. dem gewaltigen Cirque de Gavarnie! Viel Spaß beim Lesen!


Drei, vier, fünf Autos zähle ich, allesamt mit französischen Kennzeichen, die hier in 2215 Meter Höhe auf dem einsamen Parkplatz ruhig verharren. Offensichtlich sind meine Freundin Birgit und ich nicht die einzigen Verrückten, die sich trotz Schlecht-Wetter-Warnung hier herauf wagen, um diese herbe Landschaft mit den Wanderstiefeln zu erkunden.

An einem der Wagen tummelt sich eine Gruppe von Männern, die erst ihre Rucksäcke und anschließend sich selber in das Gefährt wuchten. Völlig überladen setzt sich dieses in Richtung desjenigen Weges in Bewegung, den wir uns für unsere Wanderung ausgesucht haben.

Unbeeindruckt von diesem Service schultern wir unsere Rucksäcke. Ich schnappe mir die IGN-Karte von Néouvielle, markiere unsere Position und versuche herauszufinden, wo unser Weg beginnt. Wir befinden uns hier auf dem Gipfel des Col de Portet, einem dem Néouvielle-Massiv in östlicher Richtung vorgelagerten Berg, der von den kleinen Ferienorten Vielle-Aure und St-Lary-Soulan leicht zu erreichen ist und als Skigebiet genutzt wird. Von diesem Parkplatz hier, der sich direkt unterhalb der Bergstation des Skiliftes befindet, wollen wir ein Stück auf dem GR10 wandern, jener bekannten Trekkingroute, auf welcher man die Pyrenäen vom Mittelmeer bis zum Atlantik durchqueren kann. Der Teil, den wir begehen wollen, verläuft weit oberhalb des Stausees Lac de l’Oule. Anschließend wollen wir auf den GR10C abzweigen, um zu den drei Seen zu gelangen, die als „Lacs de Bastan“ bezeichnet werden, auf deutsch aber ziemlich einfallslos nur „unterer“, „mittlerer“ und „oberer See“ heißen.

Es ist etwas trübe, und die Sonne kann sich irgendwie nicht so richtig durchsetzen. Ein frischer Wind weht in dieser Höhe, und wir sind froh, die Jacken angezogen zu haben.

Erstaunlich, wie vielfältig und wechselhaft das Wetter hier in den Pyrenäen ist. Nach der gestrigen 14-stündigen Fahrt bei sengender Hitze quer durch Frankreich und dem unheimlich schwülen Abend in dem kleinen Örtchen La-Barthe-de-Neste marschieren wir nun bei tristem Himmel und kühlem Wind in eine Landschaft hinein, in der niedriges Gras dominiert. Die Kargheit und Trostlosigkeit der baum- und buschlosen Hänge übt jedoch eine merkwürdige Faszination aus.

Das erste Stück des Weges schlängelt sich wellenförmig über die Bergflanken. Einige kleine Bäche sind dabei zu überqueren. Wirklich keine reißenden Ströme, aber wir versuchen, nicht unnötig nasse Füsse zu bekommen, was sich bei aller Vorsicht trotzdem als gar nicht so einfach erweist. Wir passieren einige Skilifte und erkennen unter uns eine Handvoll Hütten, die in der winterlichen Saison belebt sind, nun aber ihre Verschnaufpause genießen und still daliegen.

Plötzlich, hinter dem nächsten grasbewachsenen Sattel fallen unsere Blicke dreihundert Meter in die Tiefe. Unterhalb des nun recht steil abfallenden Hanges erkennen wir den Lac de l’Oule, zu dem man von hier aus auch hinabsteigen könnte. Unser Ziel sind jedoch die Seen von Bastan, die zwar nicht direkt zum bekannten Réserve Naturelle de Néouvielle gehören, aber eine schöne Ergänzung zu den großen Seen des Naturschutzgebietes darstellen.

Eine kurze Pause gönnen wir uns, denn wir sind später losgekommen als erwartet, und nun ist es schon Mittagszeit. Schnell ist das Baguette, das wir uns in dem kleinen Örtchen Vielle-Aure besorgt haben, nahezu zur Gänze in unseren Mägen verschwunden - samt Käse. Was wäre ein Aufenthalt in Frankreich ohne Baguette und Käse?! Ein Gedanke durchzuckt mich: Der Wein fehlt!

Aber die herrliche Aussicht vertreibt den traurigen Gedanken. Die gegenüberliegende Talseite ist über und über bedeckt mit nadeligem Holz; hier auf unserer Seite jedoch, der Ostseite, ist kaum Vegetation zu finden: einige wenige Bäume und niedrige Büsche umsäumen die vielen steinigen Pfade, die parallel verlaufen und allesamt nach Norden führen. Jeder ist so gut wie der andere, denken wir uns. Wir suchen uns den schönsten, am wenigsten von Geröll bedeckten aus und folgen ihm beharrlich. Vorbei an kleinen Schneefeldern, die der noch jungen Sommersonne trotzen, kämpfen wir uns einige anstrengende Steigungen hinauf. Ich stecke meine Finger in den Schnee und stelle fest: Kalt, tatsächlich kalt, der Schnee. Ist hier der direkten Sonne ausgesetzt, friert aber munter vor sich hin. Faszinierend. Es steht zwar geschrieben, dass hier im Juni noch und im September schon Schnee liegen kann, aber so richtig damit gerechnet haben wir ehrlich gesagt nicht.

Etwas unterhalb unseres Weges entdecken wir bald einen idyllisch dahinfließenden, sowohl von dunkelgrüner als auch abgestorbener Vegetation umgebenen Gebirgsbach, der dem Lac Inférieur entspringt, den wir eigentlich nun bald erreichen sollten. Aber irgendwie haben wir wohl doch einen falschen Pfad erwischt, denn wir kommen erst oberhalb des Sees heraus und gelangen an denjenigen namenlosen Bach, der ihn mit dem mittleren der drei Bastans-Seen verbindet.

Egal, sagen wir uns, auf dem Rückweg kommen wir ja an dem Lac Inférieur vorbei. Wir machen erst einmal Kaffeepause. Während ich den Gaskocher aufbaue, betätigt sich Birgit als Wasserschöpferin, und bald duftet der heiße Instantkaffee in unseren bunten Trekkingbechern. Hmmm, ein herrlicher Genuß, besonders bei dem phantastischen Panorama, das uns hier die einsame Bergwelt der Pyrenäen liefert. Östlich von uns wächst der Gipfel des Pichaley noch weitere fünfhundert Meter über unsere Position hinaus und thront mächtig über den Seen zu seinen Füßen, und im Westen breiten sich lockere Wälder über die Hänge der Sapinière de Bastanet aus.

Nach einem kleinen Ausflug auf den Hügel auf der anderen Seite des Baches, der uns doch noch einen Blick auf den hübsch gelegenen „Unteren See“ liefert, geht es weiter hinauf, nun am Ufer des mittlerweile erreichten „Mittleren Sees“ entlang. Wir staksen vorsichtig durch einen Mini-Gletscher, der ein Stück des Uferweges bedeckt, und entdecken auf der anderen Seite des Gewässers einen Wanderer, der dort sein Zelt aufgeschlagen hat und sein Glück beim Angeln versucht. Man fragt sich, wo hier oben die Fische herkommen, die sich in der einsamen Angelrute verbeißen...

Oberhalb des Lac du Milieu, der eigentlich aus mehreren kleinen Seen besteht, die bei höherem Wasserstand ineinander übergehen, erkennen wir das hölzerne Refugium der Bastan-Hütte. Nach einem kurzen Anstieg über einen sehr steilen und steinigen Pfad gelangen wir an die Schutzhütte, wo wir sogar einen Hubschrauberlandeplatz entdecken. Stimmen in französischer Sprache dringen aus der offenen Tür, aber da wir eh zelten wollen, marschieren wir unaufdringlich dran vorbei. Wir sind überrascht, schon einige Minuten später den oberen der drei Seen, den Lac Superieur zu erreichen. Der See ist wunderschön gelegen, eingekesselt von einer Bergkette, die „Les Crambés de Bastan“ genannt wird. Majestätisch ragen die beiden Gipfel des Pic de Bastan d’Aulon und des Pic de Portarras hoch über uns auf. Besonders auf der anderen Seite des Sees, wo der GR10C bis auf über 2500 Höhenmeter ansteigt, sind viele Schneefelder zu entdecken. Ja, wir glauben unseren Augen kaum - ein Teil des Sees ist sogar noch von Eis bedeckt!

Wir hocken uns an das Ufer und genießen einige Minuten diese majestätische Szenerie, während unweit von uns drei einheimische Angler, die sich anscheinend in der Hütte einquartiert haben, in Geduld üben. Und tatsächlich, kurz darauf ziehen zwei von ihnen gemeinsam einen dicken Fisch an Land.

Wir sind hier am Endpunkt unseres Weges angelangt. Da der weitere Weg des GR10C, dem man noch über mehrere Tagesetappen an weiteren schönen Bergseen vorbei bis hin zu dem kleinen Örtchen Artiques folgen könnte, nach Aussage des Informationsbüros in Vielle-Aure noch zum größten Teil schneebedeckt ist, beschließen wir, in der Nähe des unteren Sees einen hübschen Zeltplatz für unser Nachtlager zu suchen.

Dieses mal verfehlen wir den Weg nicht und erreichen den unteren See ohne Probleme. Leider war der Anblick von oberhalb vielversprechender als aus der Nähe. Direkt am See ist kein guter Platz für unser mobiles Heim zu finden. Wir folgen dem Bach, der ihm entspringt und der teilweise schon recht breit und schnell dahinfließt, bis wir am anderen Ufer eine ideale Stelle finden: Ein idyllisches, gegenüber dem Bach leicht erhöht liegendes Fleckchen neben einem interessanten Steingebilde, das wie eine Sitzbank aussieht und von uns auch als solche verwendet wird.

Wir sind begeistert. Mittlerweile ist das Wetter viel besser geworden; das trübe Licht der frühen Nachmittagsstunden und die meisten Wolken sind einer warmen Flut von Sonnenstrahlen gewichen. Offensichtlich saugt meine Haut dieses Licht sofort gierig auf, denn ich werde schnell rot im Gesicht und auf den Armen... Hoffentlich schlägt das noch in Bräune um, denke ich mir. Macht sich hinterher immer besser.

Nachdem wir das Zelt aufgebaut und uns im eiskalten Wasser des Baches erfrischt haben, kochen wir unser Abendessen: eine leckere (das ist jetzt ironisch gemeint!) Trekking-Fertig-Mahlzeit, die wir aber hungrig aufnehmen.

Der Abend ist herrlich. Ich schnappe mir meinen Fotoapparat, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu nutzen und in der Umgebung unseres Naturhotels einige faszinierende Bilder einzufangen, während Birgit sich mit ihrem Walkman auf einem Felsen gemütlich macht und die Aussicht auf das Tal und die fernen Gipfel der südlichen Pyrenäen-Berge genießt.

Wir haben hier wirklich ein märchenhaftes Plätzchen entdeckt. Das beinahe schon tosende Dahinfließen des Baches und einige Vogelstimmen sind die einzigen Geräusche weit und breit. Plötzlich steigt uns ein hier unerwarteter Geruch in die Nase; irgendwie riecht es nach Feuer. Klar, denken wir uns, die Angler braten sich jetzt ihre selbstgefangenen Forellen. Die einzigen Tiere, die wir hier in direkter Nähe zum Zelt haben, sind Tausende kleiner Spinnen, die - wenn man genau hinschaut - überall durch das Gras flitzen, sich aber im Zelt nicht unangenehm bemerkbar machen. Und Insekten sind hier kaum vorhanden, vor allem keine Mücken, wie Birgit sehr erfreut feststellt. Normalerweise wirkt sie nämlich wie ein Magnet auf diese Viecher!

Um zweiundzwanzig Uhr ist es immer noch sehr hell, und ich möchte doch so gerne den nächtlichen Sternenhimmel hier oben in den Bergen genießen. Leider wird es aber auch schnell kalt und Birgit müde. Bald kriecht sie in ihren Schlafsack, während ich noch ein Stündchen draußen aushalte. Der Große Wagen und einige andere Sternbilder sind dann auch in ihrer vollen Pracht zu erkennen, aber ein grandioses Sternenspektakel eröffnet sich mir nicht, zumal zerrissene Wolkenbänder über die Hochebene hinwegziehen. Seufzend schlüpfe ich ebenfalls in mein „Bett“.

Im Zelt hört sich das Gurgeln des Baches manches mal wie das ferne Grollen eines Gewitters an, und ich überlege, wie wir uns wohl bei einem Unwetter hier im Zelt fühlen würden. Immer wieder sehe ich die vielen abgestorbenen Bäume vor mir, die ringsum überall zu finden sind und aussehen wie vom Blitz erschlagen... Diese Gedanken lassen mich noch einige Zeit wach liegen, bis mich dann doch die Müdigkeit dahinrafft.

Irgendwann wache ich mit eingeschlafenen Armen auf. Gott, ist das unbequem auf diesen Isomatten, da muß man sich erst mal dran gewöhnen. Besonders viel geschlafen habe ich in dieser Nacht nicht, aber nach einer morgendlichen Katzenwäsche im beinahe schon schmerzend kalten Bach sind Birgit und ich bereits wieder fit für den Tag. Ein weiteres erledigt das leckere Frühstück aus Instantkaffee und Müsli in Trockenmilch mit Flußwasser. Das Wetter ist weiterhin herrlich, und wir machen uns wieder auf.

Ursprünglich wollten wir den Weg zum Lac de L’Oule hinunterwandern, den See umrunden und auf dem GR10 zum Lac d’Aumar, einem der Seen des Réserve Naturelle de Néouvielle gelangen. Aber der Schnee im Naturschutzgebiet, von dem man uns im Informationsbüro erzählt hatte, macht uns einen Strich durch die Rechnung. Und so haben wir uns entschieden, den Weg zum Parkplatz am Col de Portet zurückzugehen und dann mit dem Auto zum Naturschutzgebiert zu fahren, um die Gegend dort noch ein bißchen zu erkunden.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz erfahren wir dann hautnah, dass sich das Wetter hier in den Bergen sehr schnell ändern kann. Von Westen her schiebt sich eine dunkelgraue Wolkenmasse über den Soum de Monpelat heran, der den Stausee überragt. Und schon bald setzt das Unwetter ein, das man schon gestern erwartet hatte. Die ersten Regentropfen treffen uns noch auf den letzten Metern zum Auto, aber als das Gewitter so richtig losbricht, sitzen wir schon im Trockenen, bereit für ein weiteres Stück herrlicher Berglandschaft in den französischen Pyrenäen.

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